Der Flair des Südens in der Schweiz

Städtetrip Im Tessin kann es auch im Dezember noch recht angenehm warm und sehr sonnig sein. Ein Grund mehr, sich einige schöne Tage in Lugano zu gönnen– und allerlei Schätze zu entdecken.
  • Foto: Doris Burger

Lugano kennt Christa Branchi wie ihre sprichwörtliche Westentasche: jede Treppe, jede Abkürzung durch einen Innenhof. Sie weiß auch, wie man bequem von der Oberstadt hinunter zum See kommt, selbst wenn die Standseilbahn gerade gewartet wird. Auf halbem Weg nach unten zeigt sie über die Dachlandschaft auf das neue Kulturzentrum der Stadt: das LAC, Lugano Arte e Cultura, also Lugano Kunst und Kultur. Ein Gebäudeflügel wurde spektakulär auf Stelzen gesetzt, darunter können Passanten hindurchspazieren.

Die unscheinbare Kirche, Santa Maria degli Angioli, ist über die Treppe schnell erreicht. Sie birgt eine der wichtigsten kulturellen Schätze der Stadt: eine fantastisch erhaltene Freskomalerei aus dem 16. Jahrhundert. Der Bilderzyklus zeigt die Passionsgeschichte. Staunend sitzt man davor, übrigens im fast leeren Kirchenschiff, einer dergrößeren Vorteile des Winters. Stadtführerin Christa Branchi veranstaltet beim Besuch der Kirche ein Suchrätsel: „Finden Sie das gleiche Gesicht dreimal in drei verschiedenen Lebensaltern.“ Der Maler Bernardino Luini hat sich damit selbst porträtiert.

Fliegender Weihnachtsbaum

Zurück auf der Straße, geblendet vom Sonnenschein, hört man ein Brummen. Ein Helikopter schwebt heran. Und was hängt daran? Ein großer Weihnachtsbaum. Auf der Piazza Riforma wird er mit Schweizer Präzision aufgestellt und geschmückt. Etliche Schaulustige haben sich versammelt und besprechen das Spektakel.

Lugano ist eine lebhafte Stadt, vor allem am Abend. Die Einwohner besuchen die Plätze, promenieren, parlieren, trinken ein Gläschen im Straßencafé, selbst jetzt, Ende November. Italienisches Flair, doch in Sachen Sauberkeit herrschen schweizerische Standards. Auch der Bus kommt auf die Minute pünktlich, sollte man einen Ausflug in die Hügel unternehmen: zum Beispiel ins Künstlerdorf Corona oder nach Montagnola ins Hesse-Museum. Oder aber weiter entlang des Sees nach Morcote, das 2016 zum „schönsten Dorf der Schweiz“ gekürt wurde.

Originelle Geschenke

Im Park Civico blüht zu jeder Jahreszeit etwas anderes.

Christa Branchi
Stadtführerin

Zurück in die Innenstadt geht es mit Christa Branchi durch das Bankenviertel. Nach Zürich und Genf ist Lugano der drittgrößte Finanzplatz der Schweiz. Zum Geldausgeben bietet sich die Via Nassa an, wo die Luxusmarken zu finden sind. Doch auch für das kleinere Budget finden sich originelle Weihnachtsgeschenke: Maria Dänzer aus Salzburg bietet selbst gebundene Gewürzgestecke an. Auch historische Spitzendeckchen aus St. Gallen hat sie im Programm. In der Haupteinkaufsstraße gibt es einen Adventsmarkt.

In den Vitrinen des Grand Café al Porto kann man kalorien- und kostenfrei bildschöne Törtchen bewundern. Der Saal im Inneren glänzt mit historischen Wandmalereien und einer Holzdecke aus dem 16. Jahrhundert: Er war das Refektorium eines Klosters. Die Fresken werden dem florentinischen Maler Carlo Bonafedi zugeschrieben. Sich hier entspannt einen Kaffee zu gönnen, gehört zu den Freuden der Stadt. Natürlich muss man auch bei Gabbani vorbeigehen.

Christa Branchi erzählt die Geschichte der dicken Salami, die bis heute – nun allerdings aus Plastik – die Torbögen zieren. Die erste Kollektion war über Nacht verschwunden, schon kurz nach der Eröffnung des legendären Feinkosthändlers im Jahr 1937. Der kostspielige Diebstahl sollte sich als beste Werbung fürs Geschäft erweisen: Lino Gabbani, Sohn des Gründers Domenico, konnte nach dem Krieg in großem Stil erweitern. Bis heute sitzt der Patrone Lino gerne im Innenhof und grüßt die Kunden.

So warm scheint an diesem Tag die Sonne, dass es die Besucher zur Seepromenade zieht. Das Wasser glitzert, einzelne Boote dümpeln an den Anlegern. Wer mag, kann ausgedehnte Spaziergänge unternehmen, in den Hügeln oder am See. Ein kleiner führt in den Park Civico, in dem Hanfpalmen und etliche andere Gewächse gedeihen. Stadtführerin Branchi erklärt: „Die Anlagen sind so bepflanzt, dass zu jeder Jahreszeit etwas blüht. Selbst im Dezember.“

© Gmünder Tagespost 24.11.2017 17:59
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