Tokio vereint Tradition und Moderne

Städtetrip Die Weltstadt setzt ganz auf Fortschritt? Nicht ganz: In der japanischen Metropole besinnt sich die Bevölkerung auch auf altes Brauchtum – und das auf teils ungewöhnliche Weise.
  • Foto: Pixabay
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Der ältere Herr tippt in der U-Bahn höflich an eine fremde Schulter: „Verzeihen Sie, aber Sie sind sehr laut. In Japan unterhält man sich sehr leise in der U-Bahn.“ Dann dreht er der Fremden den Rücken zu. Diese ist peinlich berührt. Doch flüchten geht nicht so einfach, denn es ist Rushhour in der Yamanote-Linie. Wer aussteigen will, muss sich langsam vorarbeiten, mit der Entschuldigungsformel „sumimasen“ – und natürlich nun im Flüsterton.

Eine quirlige Metropole

Dabei ist Tokio alles andere als leise: Die Hochhäuser sind mit Werbescreens verkleidet, zu den flimmernden Spots dröhnt die passende Untermalung aus Lautsprechern in der Fassade. Nicht selten kommt ein Lieferwagen vorbei, der die Umgebung mit Popsongs beschallt – als lautmalerische Werbung für die neueste Platte einer Teenieband. Selbst die Ampeln machen „pin pon“ und „pyu-pyu-pyu“, wenn sie auf Grün schalten. Und wer die Toilette benutzt, kann auf Knopfdruck die eigenen Körpergeräusche mit einem Klangkonzept überspielen – sei es Wasserfallrauschen oder Vogelgezwitscher. Vielleicht rührt daher der Wunsch von so manchem Japaner, wenigstens in der U-Bahn für ein paar Minuten einmal Ruhe zu haben.

In Tokio ist Stillstand – seishi – beinahe ein Schimpfwort: Es liegt wohl daran, dass von Tokios 400-jähriger Geschichte relativ wenig erhalten geblieben ist. Was nicht bei Feuerkatastrophen, während des Erdbebens von 1923 oder bei der Bombardierung durch die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, musste in der Zeit danach der Modernisierungswut weichen. So sind nach und nach klotzige Hochhäuser entstanden, die eine stimmige Skyline wie in Shanghai oder New York vermissen lassen. Zwischen den Häuserschluchten schlängeln sich Schnellstraßen auf Stelzen. Und überall blinkt und blitzt es. Die Stadt ist der Zukunft zugewandt und will sich stets neu erfinden.

Kreative Schaffenskraft

Für Ryotaro Muramatsu ist Tokio der ideale Lebensraum: Wo andere das Chaos sehen, sieht der Künstler, der sich mit Videoinstallationen und Projektionen einen Namen in Japan gemacht hat, eine Art kreative Schaffenskraft. „Wissen Sie“, sagt der 46-Jährige, „eine Stadt ist nicht nur eine Ansammlung von Gebäuden, kein statisches Gebilde. Vielmehr ist sie ein fortwährender künstlerischer Prozess, geprägt von den Menschen, die dort dem Alltag nachgehen, aber auch geprägt vom Lauf der Zeit, die an keiner Stadt spurlos vorübergeht.“ Diesen Prozess darzustellen, versucht Muramatsu in verschiedenster Weise. Erst kürzlich hatte er mit seinem Team, dass sich „Naked“ – zu deutsch „nackt“ – nennt, ein multimediales Diorama erschaffen, eine Art begehbaren Schaukasten eines nächtlichen Tokios, der mit Neon- und Schwarzlicht ausgeleuchtet und mithilfe von Bildern aus knapp 100 Projektoren zum Leben erweckt wurde. „Jeder Besucher sollte sich als Teil dieser Stadt fühlen“, so die Idee des Künstlers.

634 Meter hoher Fernsehturm

Doch wer sich von den realistischen Dimensionen der Megastadt einen Eindruck verschaffen will und dazu den Tokyo Skytree besucht, fühlt sich erst einmal ziemlich verloren: In Sekundenschnelle rasen die Fahr-stühle zur Besucherplattform des mit 634 Metern weltweit höchsten Fernsehturms. Wer dann aus der Glasfront blickt, sieht in jeder Richtung nichts als Häuser in Spielzeuggröße, die sich im Dunst des Horizonts verlieren. „Schade, dass Sie zu dieser Jahreszeit gekommen sind“, sagt der freundliche Herr vom Servicepersonal. „An klaren Wintertagen ist in der Ferne unser heiliger Berg Fuji zu erkennen.“ Er lächelt, erzählt dann aber lieber von der besonderen Stahlfachwerk-Bauweise des Turms, die Erdbeben und Taifunen trotzen soll. Man merkt: Der Skytree ist der neueste Stolz der Japaner.

Traditionelles bewahren

Eine Stadt ist wie ein künstlerischer Prozess.

Ryotaro Muramatsu
Künstler aus Tokio

Doch nicht alles wendet sich der Zukunft zu. Es gibt auch eine gegenläufige Bewegung, die das Traditionelle bewahren möchte. In einer Seitenstraße nahe der Metro-Station Nihombashi empfängt Yukiko Fukaumi die Gäste zum Tee. Die 58-Jährige ist im Kimono gekleidet und reicht Kashi, eine Süßigkeit aus Bohnenpaste. Hinter ihr ist der Teemeister, Kojima Soko, dabei, heißes Wasser aus einem schwarzen Kessel zu schöpfen und in Schälchen schaumigen Matcha-Tee anzurühren. Der 62-Jährige sitzt im Seiza, dem traditionellen Fersensitz. „Eine Tasse mit einem Gast zu trinken, heißt, sich mit ihm zu verbinden“, erklärt Yukiko Fukaumi.

Fließende Grenzen

Nicht nur die Touristen lassen sich von Yukiko und Kojima in die Kunst des Teezubereitens einführen. Das Interesse junger Japaner an der Tradition nimmt ebenfalls wieder zu. Das ist ganz im Sinne der Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe, die den Patriotismus an Schulen und die Rückbesinnung auf traditionelle Werte fördert. So soll das moderne Japan in ein „schönes Land“ verwandelt werden, wie Abe jüngst mitteilte. Da stört es auch nicht, dass die Grenzen zwischen Volkstümlichkeit und Folklore fließend werden.

Im Tempelbezirk Asakusa beispielsweise wird nicht nur mit Räucherstäbchen und allerlei Münzen der Ahnen und des eigenen Seelenheils gedacht. Mit geradezu kindlichem Vergnügen verkleiden sich vor allem die weiblichen Besucher in Kimonos und trippeln in den traditionellen Zehensandalen um den Tempel Sensoji. Selbstverständlich wird die kleine Zeitreise von Freunden per Smartphone festgehalten.

Ein perfekter Brückenschlag

Den Spagat zwischen Moderne und Kultur beherrschen die Tänzerinnen Uzume, Miyabi und Hinomiko in Perfektion. Geschminkt und gekleidet wie Geishas tritt das Trio in einer hölzernen Dschunke auf, die durch die Tokio Bay schippert. Während am Büfett gebratene Nudeln aufgetischt werden und immer mehr Bier geordert wird, verbiegen sie anmutig ihre Körper im Takt der auf poppig getrimmten Volksweisen.

Die alte Tanzkunst mit modernen Elementen zu verbinden, sei ihr Beitrag zum Kulturerhalt. „Die Leute haben Spaß und erhalten nebenbei einen kleinen Einblick in unsere Tradition“, sagt Uzume mit ihrem Foto-Lächeln, bevor auch sie das Boot verlässt und eintaucht in die blinkende und blitzende Lichterstadt – zurück in die Zukunft.

© Gmünder Tagespost 01.12.2017 17:31
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