Gipfelsturm bei den rockigen Riesen

Nordamerika Felsig und wild machen die Rocky Mountains ihrem Namen alle Ehre. In Colorado können Wanderer die höchsten Berge des ausgedehnten Gebirges besteigen und Abenteuer erleben.
  • In dem kleinen Bergbaustädtchen Crested Butte können Urlauber viktorianisches Flair genießen. Foto: Andrea Erne
  • Foto: Andrea Erne

Schon frühmorgens ist der Maroon Lake kein stiller Ort mehr. Am Ufer des Bergsees warten etliche Menschen mit Stativen, Kameras und Handys darauf, dass die ersten Sonnenstrahlen über die markanten Spitzen der Maroon Bells kriechen und sich die rötlichbraunen Felsen auf der Wasseroberfläche spiegeln. Die meistfotografierten Berge Nordamerikas geben ein besonders farbenfrohes Bild ab, wenn im Herbst die Blätter der Espen in sattem Goldgelb leuchten und am blauen Himmel weiße Wolken schwimmen.

Der See ist aber nicht nur für Fotografen ein beliebter Treffpunkt, sondern auch für Wanderlustige, die von dort aus in die „Maroon Bells-Snowmass Wilderness“ ausschwärmen. Beliebt ist die Tour über den West Maroon Pass, die der Wanderführer und Lawinenexperte Ben Pritchett mehrmals im Jahr begleitet. Dieser Weg will verdient werden. „Earn your turn“ gilt nicht nur für Skitourengeher.

Steile Wege, große Höhen

Große Höhe, trockene Luft, schnelle Wetterwechsel und steile Wege sind in den Rocky Mountains keine Seltenheit. Dafür gibt es aber auch etwas Besonderes: Abseits der Hotspots wie dem Maroon Lake sind Einsamkeit und Wildnis keine leeren Versprechen.

Der neun- bis zehnstündige Marsch über den Pass wird von Bens großen Naturkenntnissen kurzweilig begleitet. Im goldenen Espenwald erklärt er den Wanderern unter anderem das Ökosystem dieser nordamerikanischen Zitterpappel-Art, die in Höhen zwischen 2000 und 3500 Metern wächst und deren Wurzeln alle miteinander verbunden sind.

Auch die Erdgeschichte kann hier jeder sprichwörtlich erfassen, denn im weiten Gletscherbecken liegt Gestein aus der Urzeit und dem Erdinneren am Wegesrand – und bald auch in jedem Rucksack. Durch die Geröllhalden huschen possierliche Pfeifhasen, deren lautstarke Ablenkungsmanöver die Fressfeinde wie den Kojoten verwirren, und die trägen Murmeltiere lassen sich kurz vor dem Winterschlaf nicht einmal mehr von einem Wiesel aus der Ruhe bringen. Beeindruckend auch die botanische Vielfalt auf den herbstlichen Wiesen.

Geschmackvolle Blätter

Ben deutet auf riesige Enzian-Stauden, auf Rittersporn, Lupinen, Akelei und Astern und verteilt Blätter, die nach Lachs oder Meerrettich schmecken.

Der Weg hinauf will verdient werden.

Ben Pritchett
Wanderführer

Am Maroon Creek kommt ein Wasserfilter zum Einsatz, um leere Flaschen nachzufüllen, bevor der Weg durch Weidendickicht steil ansteigt. Weit hinten liegen nun See und Berge im Sonnenschein, über dem Pass ziehen dagegen schwarze Wolken auf und ein heftiger Graupelschauer geht auf die Wanderer nieder. Von einer Sekunde auf die andere entsteht ein Weltuntergang-Szenario. Die Luft ist dünn, der Atem geht schwer, aber Eile ist geboten. Die spektakuläre Aussicht auf knapp 4000 Meter Höhe vom Pass aus auf Treasure Mountain, Pyramid Peak und die Maroon Bells kann jetzt niemand genießen. Das Gewitter ist direkt über dem Kamm.

Berühmte Wildblumenwiesen

Im Laufschritt geht es auf der anderen Seite hinunter in ein weites Hochtal, wo ganz unschuldig wieder die Sonne auf die berühmtesten Wildblumenwiesen der Rocky Mountains scheint. Am Schofield Pass endet der Weg und hier wartet ein Kleinbus, der die erschöpften, aber -glücklichen Wanderer hinunter nach Crested Butte schaukelt.

Das kleine Bergbaustädtchen, mit nur 1600 Einwohnern und den viktorianischen Holzhäusern entlang der breiten Elk Avenue, entpuppt sich als idealer Standort für Outdoorfans. Im Sommer kommen Mountainbiker und Wanderer in den Ort, der auf 2716 Metern im Hochgebirge liegt. Im Winter erobern Skifahrer und Tourengeher die umliegenden Hänge.

Verlassene Siedlung

Aber nicht nur Sportler schätzen die Höhenlage. Nur 16 Kilometer nördlich von Crested Butte, am Fuß des mächtigen Mount Gothic, wird eine verlassene Silberminen-Siedlung jeden Sommer zum Rocky Mountain Biological Laboratory. Umgeben von Bergen, Pappelhainen und Wiesen treffen sich hier angesehene Wissenschaftler aus der ganzen Welt, um Feldforschung in außergewöhnlicher Höhe zu betreiben. Besucher sind willkommen und werden auf historischen Pfaden durch das Geisterdorf geleitet.

Die Rocky Mountains sind für viele eine besondere Gegend, die sie magisch anzieht. Im Nordosten des Gebirges, im Rocky Mountain National Park, melden sich jedes Jahr mehr Freiwillige als in allen anderen Nationalparks. So ziehen rüstige Senioren nach dem Arbeitsleben in die Umgebung von Estes Park oder Boulder, um die Mission der Nationalparks zu unterstützen: Nämlich die Natur zu schützen, sie aber auch den Menschen etwas näher zu bringen.

„Rocky“, wie der Park kurz genannt wird, steht in der Gunst der Besucher landesweit an vierter Stelle. Viereinhalb Millionen kamen im vergangenen Jahr in den nur zweieinhalb Stunden von Denver entfernten Nationalpark, einem der ältesten der USA. Zum Gebiet gehören bis zu 4345 Meter hohe Gipfel, aber auch wilde Bäche, Wasserfälle, tiefe Seen, alpine Tundren und Wälder, in denen Schwarzbären, Elche, Wapitis, Großohrhirsche, Dickhornschafe und andere Wildtiere umherstreifen.

Bei Leadville wurde nach Gold und Silber geschürft.

Andrea Erne

Finanzierung über Gebühren

Besucher des „Rocky“ unterwerfen sich ohne Murren den strengen Regeln der Parkaufsicht, wie auf Wegen und Straßen zu bleiben und auch Sperrungen in der Hochsaison zu akzeptieren. Sie bezahlen Eintrittsgebühren, mit denen der Park finanziert wird. Und nach Ansicht der Verwaltung würde eine Privatisierung von Nationalpark-Land, wie sie Donald Trump ins Auge gefasst hat, zu einem öffentlichen Aufstand führen.

Neben Wanderungen und Wildbeobachtungen gehört auch die Fahrt über die höchste Passstraße der Vereinigten Staaten zu den Attraktionen des Parks. Die etwa 80 Kilometer lange Trail Ridge Road windet sich vom Beaver-Meadows-Parkeingang mit spektakulären Ausblicken auf 3713 Meter hinauf, über die Baumgrenze und die Kontinentale Wasserscheide wieder hinunter zum Grand Lake. Auf der Weiterfahrt nach Leadville zeigen sich die unterschiedlichen Gesichter der Rocky Mountains: Bizarre Felsformationen und tiefe Schluchten wechseln sich ab mit üppig bewachsenen Flanken. Bäche und Flüsse begleiten die gewundenen Straßen nach Leadville, einer Bergbaustadt hoch in den Rocky Mountains, wo Silber und Gold geschürft wurden und der Arkansas River entspringt.

Und dort taucht er plötzlich auf. Der höchste der sagenhaften 54 Fourteeners von Colorado, also Berge, die über einer Höhe von 14 000 Fuß (4267,2 Meter) liegen.

Kampf gegen Schweinehund

Wer den Aufstieg zum Gipfel des Mount Elbert durchsteht, gewinnt sogar den Respekt Einheimischer. Dabei ist der Weg an sich keine große Herausforderung. Wenn da nicht die Höhe wäre. Von 3094 Metern am Fuße des Gebirgsstockes auf 4401 Meter müssen sich die Gipfelstürmer quälen und wenn dann neben dünner, trockener Luft auch noch ein scharfer Gegenwind an den Jacken zerrt, wird das letzte Stück ein Kampf gegen den inneren Schweinehund.

Doch wer wollte hier noch umkehren? Oben belohnt ein grandioser Rundblick auf weitere Viertausender, auf Twin Lakes im Tal und die lodernden Wälder. Die Rockys sind einfach riesig!

© Gmünder Tagespost 08.12.2017 16:15
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