Einfluss der Digitalisierung auf die Kommunikation: Droht ein Sprachverfall?

  • emoji


Zum nunmehr zehnten Mal hat Langenscheidt das „Jugendwort des Jahres“ gekürt. Die Wahl fiel in diesem Jahr auf einen Ausdruck, der der sogenannten Vong-Sprache entstammt: „I bims“ (Bedeutung „ich bin“ oder „ich bin’s“). Auf Schulhöfen und im Internet erfreut sich die Kunstsprache großer Beliebtheit. Wohl die wenigsten aus der Generation 50 plus verstehen noch, was mit ihr oder den vielen Emoticons oder Emojis gemeint ist. Veränderte Aussprache, Anglizismen, Verkürzungen: Inwiefern verändert die Digitalisierung die Kommunikation?

Sprache ist schon seit jeher ein Prozess: Laute, Wörter, Satzbau und Grammatik sind einem ständigen Wandel unterworfen. Wortbedeutungen verändern sich, einige Wörter sterben aus, neue kommen dazu. Wer heute etwa das Nibelungenlied auf Mittelhochdeutsch lesen wollte, der müsste schon Germanistik studiert haben, um den Inhalt zu verstehen. Während sich der Sprachwandel früher stetig, aber langsam vollzog, verändert sich die Welt heute schneller – und damit auch die Sprache.

Aber bringen die mediale Digitalisierung und Globalisierung wirklich einen Sprachverfall mit sich, wie manche Kritiker befürchten?

Sprache im Wandel: Emojis und Emoticons ersetzen Wörter und Sätze

Wie sich die Sprache entwickelt, hängt im Wesentlichen natürlich von ihrer Nutzung in der alltäglichen Kommunikation ab: Und für viele gehört die digitale dazu inzwischen ebenso wie die gesprochene: Emojis beispielsweise bereichern dem Sprachwissenschaftler Michael Beißwenger zufolge eine digital geführte Unterhaltung.

Als Menschen Anfang der 1980er-Jahre begannen, in Online-Foren zu kommunizieren, merkten sie schnell, dass es ein Problem gab, zum Beispiel ironische von ernsten Nachrichten zu unterscheiden.
Der US-amerikanische Informatiker Scott Fahlmann erfand aus einem Doppelpunkt, Bindestrich und einer Klammer daraufhin ein auf der Seite liegendes lachendes Gesicht, das seitdem als Hinweis auf Ironie fungiert. Dieses mittlerweile berühmte Smiley war das erste Emoticon.

Anders als Emoticons sind Emojis eigenständige Bildzeichen, deren Repertoire sich auf weit mehr als nur Gesichter erstreckt: Vom Pizzastück über lachende Teufel bis zu den drei Affen, die nichts sehen, hören und sagen – heute gibt es für jede Situation das passende Bild.

Emojis als Weltsprache?

Seither kommt man an Emojis nicht mehr vorbei. Auf Twitter werden Filmhandlungen in den Zeichensymbolen nacherzählt, es wird diskutiert, ob Pin-Nummern durch Grafiken ersetzt werden könnten und Webseitenbetreiber können sogar URLs mit Emojis registrieren lassen. Die kleinen Bildchen sind meist unabhängig von der Landessprache verständlich. Folgt man der Ansicht des Sprachforschers Anatol Stefanowitsch, taugen Emojis aber nicht als Weltsprache. Der Grund dafür: Durch die starken kulturellen Unterschiede sei zu viel Interpretationsspielraum gegeben, was wiederum zu Missverständnissen führe. Sieht man die Gestik und Mimik des Gegenübers nicht, kann ein alleinstehendes Emoticon ohne dazugehörigen Satz wahlweise positiv, leicht negativ oder auch desinteressiert ausgelegt werden.

Ein weiteres Argument von Stefanowitsch ist der fehlende Einfluss der Nutzer: Da diese keine eigenen Piktogramme kreieren können, unterlägen Emojis im Gegensatz zu Wörtern nicht dem natürlichen Sprachwandel.

 

Bildrechte: Flickr emoji downloadsource.fr CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

 

© Gmünder Tagespost 24.11.2017 11:12
2403 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.