Kunst am Wegesrand

Skulpturen Mit Liebe zum Detail schnitzten die Hobbykünstler der Gruppe Sculturies 83 Figuren aus Holz, die Wanderer in eine Welt aus Mystik und Geschichte eintauchen lassen. Von Nadja Kienle
  • Fotos: Andreas Wegelin
  • Die sieben Geislein haben den Wolf überlistet.
  • Im Wald bei Niederalfingen versteckt sich auch ein „Engel“.
  • Die Nixe am Schlierbach wacht über das Bächlein.
  • Eine rührige Künstlergruppe: Die Sculturies
Teils versteckt zwischen den Laub- und Nadelbäumen, teils weithin sichtbar können Wanderer und Spaziergänger zwischen dem Ortsteil Niederalfingen der Gemeinde Hüttlingen und Neuler Geheimnisvolles entdecken: Eingebettet in die malerische Landschaft und lebensgroß säumen dort über 80 liebevoll geschnitzte Skulpturen aus massivem Holz eine Wegstrecke von insgesamt acht Kilometern.
So schwebt beispielsweise Nils Holgerson mit einer seiner Wildgänse am Rande des Hauwaldes hoch in den Baumwipfeln über den Waldweg, eine schuppige Wassernixe wacht am Rande des Schlierbachs im Schatten und große und kleine Wanderer können im Schlierbachtal auch mit einer knorrigen Waldgestalt Bekanntschaft schließen.

Die Künstlergruppe
Die beeindruckenden Holzskulpturen stammen alle aus der Hand einer kleinen und ambitionierten Gruppe aus zwölf Hobbykünstlern: den Sculturies. Mit viel Liebe zum Detail widmen sich die Künstler bereits seit rund 20 Jahren der Kunst des Holzschnitzens. Initiator und Ideengeber der Gruppe war dabei Hubert Schüll. Er war Lehrer an der Technischen Schule in Aalen und bot im Winter des Jahres 1996 einen Schnitzkurs in den Räumen der Berufsschule an. Die Teilnehmer des Kurses schlossen sich wenig später zu den Sculturies zusammen. Die Gruppe ist eine lose Gemeinschaft aus Hobbykünstlern, die eines gemeinsam haben: die Liebe zum Schnitzen. „Geschnitzt haben wir zuerst aber vor allem kleine Figuren wie Madonnen“, erzählt Hermann Haas von den Sculturies. Die großen Skulpturen entwarfen die Künstler erst einige Jahre später.

Der Skulpturenweg
Die Idee, einen Skulpturenweg zu gestalten, stammt ebenfalls von Hubert Schüll. Dem einstigen Gemeinderat von Neuler war es zeitlebens ein wichtiges Anliegen, die Kunst und seine Heimat zu fördern. Vor diesem Hintergrund verfolgte er das Ziel, einen Skulpturenweg mit lebensgroßen Figuren im Krähenbach- und Schlierbachtal südlich von Neuler zu errichten, der Kunst und Natur in Einklang bringen sollte. Gemeinsam mit den Teilnehmern seines früheren Schnitzkurses packte Schüll dieses Vorhaben zügig an.
Die Gruppe ließ sich von dem Vorhaben sofort begeistern, entwarf Motive für die Skulpturen und suchte nach geeignetem Material. „Bei der Gestaltung des ersten Abschnitts hat noch jeder seine eigene Idee umgesetzt“, erinnert sich Haas. Das vorhandene Holz habe damals auch noch bestimmt, welche Figur letztlich geschnitzt wurde.
Mit viel Liebe zum Detail sowie einer gehörigen Portion an Improvisationstalent und Eigeninitiative machte sich die Gruppe ans Werk. Der erste Abschnitt des Weges weihten die Sculturies mit den Bürgern im Mai 2002 ein. Doch dabei blieb es nicht: In den folgenden Jahren gestalteten die Künstler noch vier weitere Abschnitte mit ihren Werken aus Holz. Der Initiator Hubert Schüll erlebte die Fertigstellung des Gesamtweges nicht mehr. Er verstarb im Herbst 2003 nachdem der zweite Abschnitt des Weges fertiggestellt war, dessen Figuren den Schlierbach bis zur Gemeinde Hüttlingen begleiten und einen Bezug zu ihrem Standort haben. Eine der Figuren symbolisiert beispielsweise den letzten Schliermüller.
Die Gemeinde Neuler widmete dem verstorbenen Ideengeber des Skulpturenwegs die ersten beiden Abschnitte auf ihrer Gemarkung unter dem Namen „Hubert-Schüll-Skulpturenweg“. Mit dem Teilstück entlang des westlichen Schlierbachufers vollendeten die Sculturies den Weg im Jahr 2009. Die jüngsten Figuren entstammen dabei Märchen. Wanderer können daher im Wald Rumpelstilzchen, Max und Moritz oder auch den Bremer Stadtmusikanten begegnen.
Die geschnitzten Werke zeigen aber nicht nur Märchen- und Fabelfiguren, sondern greifen auch Themen mit besonderer Bedeutung für die Region auf. Der geschnitzte Steinbrecher am Waldrand von Niederalfingen soll beispielsweise daran erinnern, dass in unserer Heimat einst weißer Stubensandstein abgebaut wurde, bevor dieses Baumaterial durch Beton verdrängt wurde. Wenige Meter entfernt errichteten die Sculturies einen Ritter mit Schwert, der die Geschichte rund um die Burg Niederalfingen symbolisiert, die im Jahr 1050 durch die Staufer erbaut wurde. Auf dem Streckenabschnitt erinnern noch viele weitere Figuren an die Geschichte vor Ort.

83 Skulpturen und viel Arbeit
Jede einzelne Figur wurde durch die Sculturies in monatelanger und liebevoller Arbeit hergestellt. „Jede einzelne Figur hat eine Arbeitszeit von etwa einer ganzen Winterperiode benötigt“, erzählt Manfred Dierolf, ebenfalls fleißiger Künstler innerhalb der Gruppe. Nachdem der erste Abschnitt fertig gewesen sei, hätte nicht mehr das Holz die Skulpturen bestimmt, sondern die Sculturies hätten anhand ihrer Ideen gezielt das entsprechende Holzstück für ihre Arbeit gesucht. Keine einfache Aufgabe bei Figuren in Lebensgröße. Die Grazie in Neuler wurde beispielsweise aus einem Holzrohling mit einem Gewicht von einer Tonne herausgearbeitet. Als Rohstoff dient der Gruppe dabei hauptsächlich Eichenholz, das als besonders wetterfest gilt. Mit der Kettensäge arbeiten die Künstler die groben Formen für ihre Werke heraus, bevor sie die feinen Details von Hand in aufwendiger Arbeit in das Holz schnitzen. „Uns macht dies aber nach wie vor viel Spaß und es stärkt unsere Kameradschaft“, betonen die Hobbykünstler. Oberstudiendirektor Vitus Riek ermöglicht es der Gruppe in den Räumen der Technischen Schule in Aalen zu schnitzen. Im kommenden Winter werden dort auch die Skulpturen für die Kugelbahn für den Waldwunderweg in Neuler entstehen.

Das Stadtmagazin Ellwangen

Dieses und viele weitere Themen können Sie in der Ausgabe 4 von „Ellwangen – Das Stadtmagazin“ nachlesen. Das aktuelle Magazin erhalten Sie unter anderem noch in der SchwäPo-Geschäftsstelle in Ellwangen, Badgasse 5, 73479 Ellwangen. Im Internet findet man die aktuelle Ausgabe unter folgender Adresse: issuu.com/anyab/docs/ellwangen
Im September erscheint übrigens eine neue Ausgabe des Magazins mit spannenden Beiträgen wie über die Marienpflege oder den Pétanque Club.
© Gmünder Tagespost 29.07.2016 17:50
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