Lesermeinung

Über den Freiburger Missbrauchsfall:

„In den letzten Tagen ist in dieser Zeitung sehr ausführlich über den Freiburger Missbrauchsfall berichtet worden. Ein schrecklicher Fall, wenn eine Mutter ihren eigenen Sohn als Sexobjekt 'anbietet'. Es wurden Vorschläge unterbreitet, Richter und Jugendämter sollen an Fortbildungen teilnehmen, damit sich solche Fälle nicht wiederholen. Es gehört zum allgemeinen Kenntnisstand für Jugendämter und Jugendhilfeeinrichtungen, dass sexueller Missbrauch zu 80 Prozent in der Familie bzw. im familiären Umfeld stattfindet. Für die Menschen in Verantwortung (Jugendämter, Jugendhilfeeinrichtungen) bedeutet dies ein Abwägen zwischen dem Kindeswohl und dem grundrechtlich geschützten Elternrecht. Aus meiner über 20-jährigen Praxis kann ich berichten, dass Jugendämter bei den Familiengerichten es sehr schwer haben, den Schutz des Kindes entsprechend zu vertreten, da Sozialarbeiter natürlich nicht den Missbrauch direkt miterlebt haben. Sie sind auf Aussagen von Kindern angewiesen, die in solchen Fällen aber erheblich unter psychischen Druck stehen: Kann ich meine Eltern 'verraten' und kommen Vater oder Mutter dann ins Gefängnis? Aufgrund der mangelnden Beweislage habe ich selbst erlebt, wie ein Sohn am Wochenende zu seinem Vater fahren durfte, obwohl dieser ihn nachweislich missbraucht hatte. Es ist wohl bei diesem Besuch nichts Nachweisliches geschehen, das Kind war aber nach der Rückkehr 'aufgewühlt' bzw. beunruhigt. Meiner Meinung nach wird bei Familiengerichten das grundgesetzliche Elternrecht über das Kindeswohl – aus Mangel an belegbaren Tatsachen – gesetzt. Der Schutz des Kindes kann nicht nachrangig gegenüber dem Elternrecht sein. Es geht hier um einen heranwachsenden, meist hilflosen oder wehrlosen jungen Menschen, der besonders geschützt werden muss. Auch für Kinder gilt Artikel 1 des Grundgesetzes, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Vielleicht überlegt sich der Gesetzgeber, dass das Kindeswohl in Zweifelsfällen höher zu bewerten ist als das Elternrecht.“

© Gmünder Tagespost 18.01.2018 21:35
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Kommentare

Frieder Kohler

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http://www.schwaebische-post.de/ueberregional/politik/1640941/ :

"Jenseits jeder Vorstellung"? Zur Annäherung an das Unvorstellbare (oder Schweigen?) empfehle ich http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MISSBRAUCH/SexuellerMissbrauchFormen.shtml#Haeufigkeit%20des%20sexuellen%20Missb

ttp://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MISSBRAUCH/SexuellerMissbrauchFolgen.shtml

Sind nur Kinder der Meinung, dass man sie nicht sieht, wenn sie die Augen geschlossen halten? Nicht nur für die Mitarbeiter der Ämter, Behörden und Gerichte gilt: Augen auf - und nicht "Augen zu und durch"! Wer Fehler nicht eingestehen kann, ist mitverantwortlich für künftiges Geschehen (Tun und Unterlassen). Dienst nach Vorschrift/en ist der Versuch einer Ent-Schuldigung, der in das nächste Desaster führt.