Lesermeinung

Zu: Netanjahu kritisiert Palästinenserhilfswerk, 9. Januar

Es macht einen immer aufs Neue fassungslos, mit welcher Chuzpe, Indifferenz gegenüber dem Völkerrecht und Mitleidlosigkeit israelische Regierungen ihre allein der autoritären Staatsräson verpflichteten Politik der territorialen Expansion gegenüber den Palästinensern im Westjordanland durchsetzen können.

Ich möchte hier an die viel beachtete Rede erinnern, die Barock Obama als Präsident der Vereinigten Staaten (und später Träger des Friedensnobelpreises) am 4. Juni 2009 in Kairo hielt. Er bekannte sich eindeutig zur sogenannten Zwei-Staaten-Lösung im Nahostkonflikt und gedachte sowohl der Schoah als auch der Leiden, die die palästinensischen Flüchtlinge seit 60 Jahren tragen müssen.

Aus Sicht der Palästinenser begann diese Leidensgeschichte mit dem sogenannten Unabhängigkeitskrieg von 1948/49, der zu einer Flucht von bis zu einer Million Palästinensern führte, die bis heute in Lagern ihr Leben fristen müssen. Ihre Zahl ist inzwischen auf fünf Millionen angewachsen. Die Palästinenser sprechen in Bezug auf das Schicksal der Geflüchteten von Nakba (arab.), was mit „Katastrophe“ zu übersetzen ist.

Die Reaktionen der israelischen Regierungen und rechtsextremen, nationalistischen Parteien auf das öffentliche Gedenken der arabischen Staatsbürger an die Nakba sind zum Teil erschreckend. Ein Beispiel möge genügen: So schlug der Führer der rechtsextremen, ultranationalistischen Partei Yisrael Beitenu (herb: Israel unser Haus), Avigdor Liebermann, im Mai 2006 vor, arabische Knesset-Abgeordnete, die anstelle des israelischen Unabhängigkeitstages Yom Ha ‘azmaut das Gedenken an die Nakba begingen, sollten zum Tode verurteilt und hingerichtet werden.

Diese rassistische Äußerung hat der politischen Karriere Liebermanns keineswegs geschadet. Im Gegenteil: Er und seine Partei Yisrael Beitenu stiegen nach den Wahlen zur Knesset im Jahre 2009 zu Königsmachern auf. Als Koalitionspartner Netanjahus wurde Avigdor Liebermann nicht nur Außenminister, sondern auch stellvertretender Ministerpräsident. Kommentar überflüssig!

© Gmünder Tagespost 18.01.2018 16:31
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