Lesermeinung

Zur Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus am Prediger

„Am Freitag, dem Erinnerungstag an die Opfer des Nationalsozialismus, gab OB Arnold bei der Feier vor der Gedenktafel, die 1995 auf der Außenseite des Predigers am Johannisplatz angebracht wurde, bekannt, es seien im Gemeinderat Überlegungen aufgekommen, die Tafel auf die mehr beachtete Gebäudeseite entlang der Bocksgasse umzuhängen. Der Tafel mehr öffentliche Beachtung zu geben, ist einerseits ehrenwert, andererseits gehört zum Gedenken auch Ruhe und Stille. Das Innehalten ist jedoch in der relativ schmalen Bocksgasse, durch welche die Menschen ihren Geschäften nacheilen, nicht gewährleistet. Das Erinnern verträgt keine Hast, zumal nicht in einer Zeit der Erstarkung einer neuen, die Wahrheit verdrängenden, rechtsradikalen, angeblichen „Volkspartei“.

Mit dem freien Raum des Johannisplatzes im Rücken können sich Touristen oder Schulklassen jeder Anzahl ohne Gedränge vor der Tafel versammeln und in Ruhe die vielen Namen zur Kenntnis nehmen oder gar von sachkundigen Lehrern oder Stadtführerinnen entschlüsselt erhalten. (...)

Die Wahrheit ist konkret und will in Ruhe verarbeitet werden! Es war eine besondere Gmünder Errungenschaft, dass der Gemeinderat in harten Disputen beschlossen hat, nicht nur einen allgemeinen Satz der Betroffenheit über die Unmenschlichkeit des Naziregimes öffentlich anzubringen, sondern alle noch im städtischen Archiv auffindbaren Namen der Opfer zu ihrer Erinnerung und Ehrung aufzuzählen.

Und wenn nun die freie Sichtbarkeit der Tafel an einigen Tagen an ihrem jetzigen Ort durch Marktstände, Theatertribünen oder hohe Lastwägen verstellt sein mag, so ist sie doch dort in der allermeisten Zeit des Jahres frei zugänglich. Also lassen wir sie hängen, wo sie ist! Und erlauben wir ihre ungestörte Betrachtung.

Wünschenswert wäre allerdings ein ‘Aufmerksammacher’, damit sie noch besser entdeckt werden kann, wie mir die erfahrene Stadtführerin Susanne Lutz zu denken gab. Zum Beispiel könnte die anrührende Plastik der trauernden Frau von Menachem Kadishman, die früher an der Eingangsseite der Johanniskirche stand (und jetzt auf dem Bauhof ruht?) unter der Tafel als ‘Hingucker’ aufgestellt werden.

© Gmünder Tagespost 01.02.2017 19:52
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