Italien und Island im Schnelldurchlauf

Kurztrips Keine Zeit, aber noch jede Menge Orte, die abzuhaken wären? Wir besuchen an einem einzigen Wochenende gleich zwei Länder, die gegensätzlicher nicht sein könnten.
  • Die malerisch gelegene italienische Stadt Venazza ist ebenfalls Teil der Kurzreise. Foto: Werner
  • Foto: Werner

Samstag, 7 Uhr morgens, in Genua, Italien: Die Straße der jahrhundertealten Palazzi verströmt eine Art von Reichtum, die die Privilegierten heutzutage eher einzuzäunen versuchen. Von diesem Boulevard des Überschwangs zweigen mittelalterliche Gassen ab, in denen die Häuser enger beieinanderstehen als frierende Schiffbrüchige nach ihrer Rettung. Zwischen den Häusern hängt Wäsche zum Trocknen.

Der Zug nach Santa Margherita Ligure fährt um 8.25 Uhr vom Hauptbahnhof ab. In den Großraumwaggons sitzen fast ausschließlich Afrikaner und Araber mit der Ware für ihre mobilen Verkaufsstände. Eine mittelalte Italienerin kauft einem Afrikaner im Zug eine chinesische Handtasche ab. Willkommen Globalisierung.

Sehnsuchtsort mit Spaßhafen

In Santa Margherita wartet bereits der öffentliche Bus, der die Einheimischen nach Portofino bringt. Nach fünf Kilometern und 20 Minuten ist man in dem Sehnsuchtsort mit Spaßhafen, in dem die heutigen Superreichen ihre Jachten vormittags wienern. Auf den weißen Decks stehen die Millionäre vor 10 Uhr morgens mit dem Wischmob und schrubben so engagiert wie ihre prekär beschäftigten Putzfrauen daheim. Hier fungiert Wasser aus dem Ligurischen Meer als Zaun. Davor: Zaungäste. Nettes Kirchlein auf dem Hügel.

Dann Bus zurück nach Santa Margherita, umsteigen in den Zug nach Monterosso al Mare. Willkommen in Cinque Terre. Anderthalb schweißtreibende Stunden auf einem Eselspfad mit perfektem Meerblick dauert die Wanderung von Monterosso nach Vernazza. Das Städtchen quillt schier über von Touristen, die mit ihren Pommes und Pizzas auf Treppen sitzen, weil die Lokale längst voll belegt sind. Es gibt dort auch Lemonsoda und ein Boot nach Riomaggiore; unterwegs sieht man andere in den Fels gebaute Dörfer.

Dann nach Manarola, wo man versuchen kann, ein Zugticket für den Rückweg zu erwerben: Der Ticketautomat am Bahnhof schluckt bedingungslos einen 20-Euro-Schein. Dann sagt er: „Ein Fehler ist passiert. Bitte entnehmen Sie Ihr Geld.“ Nur, dass weder der Schein zurückkommt, noch ein 2,10-Euro-Ticket in den Schacht fällt. Wenn man den Automaten erneut füttert, klappt Letzteres. Monterosso ist am Nachmittag so überlaufen, als wären alle Deutschen gleichzeitig angetreten, ihren Traum vom blühenden Italien zu verwirklichen. Nur in der Bahnhofsbar über dem gerade beginnenden Freiluft-Trinkgelage auf dem Vorplatz ist es erstaunlich ruhig. Um 16.54 Uhr fährt der Zug nach Mailand ab. Im Abteil kann man seine Beine diskret von der verdreckten Wanderhose befreien und in eine Jeans schlüpfen. Am Bahnhof von Mailand hocken in einer Ecke die afrikanischen Flüchtlinge, die auf ihre Weiterreise hoffen. Der Bus zum Flughafen Malpensa kostet zehn Euro, und Wow Air fliegt um 22.25 Uhr nach Reykjavík, ohne dass vorher einer der Angestellten nachgeprüft hätte, ob die Handgepäckstücke wirklich nur jeweils fünf Kilo wiegen. 3c ist ein guter Platz.

Vulkanische Mondlandschaft

Sonntag, 1 Uhr morgens, in Keflavík, Island: Was bedeuten die roten Schlieren am Himmel? Sonnenauf- oder Sonnenuntergang? In der Warteschlange vor der Autovermietung spielt es keine Rolle. Anderthalb Stunden später darf man mit dem upgegradeten Nissan („Nizzan“, schreibt das Mädchen von der Autovermietung) durch eine vulkanische Mondlandschaft fahren. Wenn man die Wassertanks findet, bei denen man abbiegen soll, erreicht man kurz nach 3 Uhr morgens das eigentlich ganz heimelige Motel, dem man das Arbeiterwohnheim von früher jederzeit anmerkt. Draußen ist es Ende Mai sechs Grad kalt und schon fast wieder richtig hell. Drinnen ist es warm.

Wer noch vor 8 Uhr morgens weiterfährt, den mag ein irres Gefühl beschleichen - live in dieser unwirklich bizarren, traumhaft schönen Landschaft. Große Teile des Landes scheinen aus Lavawüste zu bestehen, dazu der stürmische, kalte Wind. Mars auf der Erde? Wahnsinn, was die Isländer daraus gemacht haben. Wer zum ersten Mal nach Island kommt, fährt zunächst die Golden-Circle-Route ab.

Station 1 gegen 9 Uhr: Thingvellir, der Nationalpark, in dem es Erdplatten zu bestaunen gibt - und Sagen-Landschaften. Überwältigend. Die Schönheit des Verfalls wohnt in der Karibik. Die Schönheit des Üppigen hat das Amazonasbecken noch im Griff. Die Schönheit des Kargen scheint eindeutig in Island zu wohnen. Kaffee. Alle sehr nett und verbindlich.

Wer weitere 50 Kilometer an Lavalandschaften und schneebedeckten Vulkanen vorbeifährt, gelangt zum Geysir. Um ihn herum stehen Dutzende Menschen, die im eisigen Wind darauf warten, dass er alle zehn Minuten kurz spuckt. Der Geysir in Andernach am Rhein, wo der US-Dichter Charles Bukowski geboren wurde, kotzt eindrucksvoller. Aber hey, es geht hier nicht um die Spuckhöhe des Geysirs, sondern um ein Beispiel für die Verzaubertheit Islands.

Ein grandioser Wasserfall

Noch mal zehn Kilometer nördlich wartet der Gulfoss-Wasserfall, der es zwar nicht an Höhe, aber an grandioser Wucht mit Iguazu in Brasilien/Argentinien aufnehmen kann. Der Wind bläst einen fast um. Wer drei Tage Island-Erkundung in 24 Stunden pferchen will, der fährt nun südlich an Feldern vorbei nach Selfoss, dann an Reykjavík vorbei nach Norden, schließlich nach Westen auf die Snæfellsnes-Halbinsel: Stykkishólmur im Norden wirkt wie ein Filmset zum Thema Ausweglosigkeit, das Pause hat.

Westwärts Seen, Gletscher, Mondlandschaften, in Hellissandur beginnt die Schwerkraft gegen den Orkan zu kapitulieren. Und wenn man dann ein bisschen südlich fährt, erreicht man Hellnar. Da trotzt ein immer wieder erneuertes Kirchlein dem Orkan - über spektakulären Klippen. Im Nachbarort Arnarstapi liegen Schiffe im verblasenen Hafen. Es ist bitterkalt und wunderschön: zur Rechten das blaue Meer, zur Linken die Gletscher in Ocker. Die Bäche hier erscheinen blauer als irgendwo sonst, das Heu gelber, das Weiß des Schnees weißer und abends goldgelb. Eine Landschaft wie in einem Drogen-Roman von Hunter S. Thompson.

Sonntag, 21.30 Uhr, in Reykjavík: Die Sonne macht keine Anstalten unterzugehen. Um 22.30 Uhr malt sie die Megakirche im Zentrum dunkelgelb bis orange. In der Hauptstraße findet man Nudelsuppe mit Huhn, das wie Schwein aussieht. „Spicy?“, fragt der asiatische Koch. „No.“ Die braune Brühe ist trotzdem so scharf, dass man Reißnägel auf der Zunge wähnt. Die Suppe ist aber bezahlbar.

So gegen 23.15 Uhr scheint die Sonne zu erwägen, langsam ins Wasser zu schlüpfen wie unter eine Bettdecke. Bald naht der Airport von Kevlavík. Die Spezialisten von der Autovermietung haben 21 Stunden zuvor einen Zettel ausgehändigt, auf dem steht, dass die Rücknahmestation am Airport nur von 5 Uhr morgens bis 18 Uhr abends geöffnet hat. Außerhalb dieser Zeiten solle man das Auto bei der Mietwagen-Ausgabe vorbeibringen. „Nur wie?“, fragt man den Bärtigen, nachdem man das Auto illegal zwischengeparkt hat. „An der Rücknahmestation.“ - „Aber die hat jetzt zu.“ - „Nein, nein, sie ist 24 Stunden geöffnet. Ich weiß nicht, warum man Ihnen diesen Zettel gegeben hat.“ Das Mädchen in der Rücknahmestation, das in der Nacht zuvor in der Auto-Ausgabe Dienst hatte, sagt, auf dem Zettel stünden die Öffnungszeiten für den Winter. „Aber jetzt haben wir Sommer.“

Der Germanwings-Flug ist für 1.25 Uhr angesetzt, hat aber Verspätung. Jetzt ist es nicht mehr hell, aber auch nicht dunkel. Zwielicht. Mancher schläft ein, noch ehe die Maschine abhebt, und wacht drei Stunden später kurz vor der Landung in Köln wieder auf. Wer jetzt zur Schicht muss, schafft es noch.

Die malerisch gelegene italienische Stadt Venazza ist ebenfalls Teil der Kurzreise. Foto: Werner

Ab in den Flieger

Die Lufthansa fliegt von München aus direkt nach Genua. Von Stuttgart aus ist Mailand einfacher und günstiger erreichbar. Weiter nach Genua und durch Italien geht es mit dem Zug. Von Mailand nach Reykjavík fliegt Icelandair direkt, ab Juni bedient auch Wow Air wieder diese Strecke.

© Gmünder Tagespost 17.03.2017 17:43
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