Bibeln liegen kaum noch in Hotelzimmern

Bibelschwund Immer häufiger gibt’s in Hotels die Bibel nur noch auf Wunsch. Aber warum?
  • Nicht mehr so gefragt: Bibeln. Foto: Fotolia/rondakimbrow

Meist lag sie in der Schublade des Nachttischs. Braun oder hellblau eingebunden, unauffällig und nur selten mit Gebrauchsspuren: die Bibel. Praktisch jedes Hotel in der westlichen Welt hatte die Heilige Schrift in den Gästezimmern ausgelegt. Doch das scheint inzwischen vorbei zu sein.

Nicht einmal in der Hälfte aller US-Hotelzimmer ist das Buch der Bücher noch zu finden, ermittelte kürzlich das Marktforschungsinstitut STR. 2006 waren es noch 95 Prozent gewesen. Der Bibelverein Gideons International begründet das so: „Der Rückgang reflektiert die Erosion des spirituellen Bewusstseins.“ Er meint damit wohl: Die Hotelgäste sind einfach nicht mehr interessiert. Der Gideonsbund muss es wissen, denn er ist weltweit für das Auslegen von Bibeln in Hotelzimmern verantwortlich.

Doch Gottes Wort hat heute starke Konkurrenz: Wo einst außer dem Neuen Testament nur kahle Wände warteten, gibt es heute Fernsehen mit Dutzenden von Kanälen und immer häufiger auch Gratis-WLAN.

Die weltgrößte Hotelkette Marriott – gegründet 1927 von einem strenggläubigen Mormonen – verzichtet in ihren trendigen Häusern der Lifestylemarken Moxy und Edition komplett „aus Respekt vor Nichtgläubigen und Angehörigen anderer Religionen“ auf „religiöse Materialien“. Europas größte Hotelkette Accor legt sogar in all ihren Marken und Häusern keine Bibeln mehr in den Hotelzimmern aus. Gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur Idea begründete die Konzernleitung das damit, dass man in religiöser Hinsicht neutral bleiben will. Das sehen offenbar auch zahlreiche andere Hoteliers so.

Wer sich in einem modernen Budget-Design-Hotelzimmer umsieht, stellt schnell fest: Es gibt einfach oft gar keine Schubladen mehr, in denen das Buch der Bücher diskret Platz fände. So gibt’s die Heilige Schrift immer öfter nur auf Wunsch. Bereits vor fünf Jahren entschieden sich zum Beispiel die Lindner Hotels, die Bibel nur noch an der Rezeption zur Verfügung zu stellen. Allerdings, so eine Sprecherin, machen die meisten Gäste keinen Gebrauch davon.

Im britischen Lake District ging ein Hoteldirektor vor Jahren einen Schritt weiter: Der Manager des Hotels Damson Dene am Lake of Windermere tauschte die Bibel in den Zimmern gegen einen Erotikroman aus. Seither kann man dort abends in „Fifty Shades of Grey“ schmökern. Ob dieses Werk häufiger in die Hand genommen wird, ist allerdings nicht überliefert.

Hans-Werner Rodrian

© Gmünder Tagespost 13.04.2017 17:33
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