Trotz Ticket kein Platz im Flieger

Verbraucherwissen Fluglinien verkaufen oft mehr Billetts, als Plätze vorhanden sind. Das führt manchmal zu Problemen. Welche Rechte haben Passagiere?
  • Foto: Konstantin Yuganov/Adobe Stock

Es ist Samstagnachmittag Ende Oktober: Am Schalter von British Airways in London-Heathrow hat sich eine sehr lange Schlange gebildet, als Amélie S. für ihren Rückflug nach Stuttgart einchecken will. Das Mädchen ist auf dem Heimweg von einem privaten Schüleraustausch in Cambridge. Von der Mitarbeiterin erfährt sie, dass der Flug überbucht ist. Für die 15-Jährige gibt es weder einen Sitzplatz noch eine Bordkarte. Inzwischen hat sie ihre Eltern informiert, die bestürzt sind. Wie kann es sein, dass eine alleinreisende Minderjährige abgelehnt wird, während andere Passagiere sorglos einchecken können?

Überbuchung der Flüge

Dass Fluglinien mehr Plätze vergeben, als vorhanden sind, ist üblich, denn meist erscheinen nicht alle Passagiere zum Abflug. Vor allem Geschäftsleute nutzen häufig die flexiblen Umbuchungsoptionen ihrer teuren Business- oder Erste-Klasse-Tickets, etwa weil die Termine länger als zunächst geplant dauern oder abgesagt werden. Ausfälle gibt es auch bei den Billig-Tickets: Wer mit Schnäppchenpreis reist, neigt eher dazu, das Ticket auch einmal verfallen zu lassen.

Die Lufthansa beispielsweise zählt jährlich rund drei Millionen solcher sogenannter No-Show-Fälle. Wie viele Fluggäste am Schalter zurückbleiben und wie hoch die Kosten für Entschädigungen sind, verrät das Unternehmen nicht. Das Geschäft muss sich aber lohnen. Allerdings gelten auch dafür Regeln, zu finden sind sie in einer seit 2005 geltenden EU-Verordnung. Dabei gilt: Freiwillige vor. Die Fluggesellschaften müssen einzelne Passagiere fragen, ob sie von ihrem Flug zurücktreten wollen. Sie locken dabei mit besonderen Gegenleistungen: ein Upgrade im nächsten Flieger, eine kostenlose Übernachtung oder auch schnödes Bargeld.

Eine klare Regelung

Alleinreisende Kinder sind dabei vorrangig zu berücksichtigen.

Cornelia Cramer
vom Luftfahrt-Bundesamt

Finden sich auf diese Weise nicht genügend Freiwillige, darf die Luftlinie Kunden auch gegen deren Willen die Mitreise verweigern. Wie hier die Auswahl zu erfolgen hat, ist ebenfalls in der Verordnung geregelt. Klar ist: Ein „alleinreisendes Kind ist bei der Entscheidung über die Vergabe limitierter Sitzplätze in einem überbuchten Flugzeug grundsätzlich vorrangig zu berücksichtigen“, verweist Cornelia Cramer vom Luftfahrt-Bundesamt auf den einschlägigen Artikel. Das gilt auch für Menschen, deren Mobilität eingeschränkt ist, beispielsweise ältere Personen oder Behinderte.

„Das hätte nicht passieren dürfen“, bedauert die Pressestelle von British Airways in London den Vorfall. Am Tag zuvor habe es Störungen wegen Nebels gegeben, deshalb sei extrem viel los gewesen. Was auch an den Ausfällen der Air-Berlin-Flüge gelegen haben könnte. Es müsse sehr „nervenaufreibend“ für die junge Lady gewesen sein, gibt sich British Airways verständnisvoll und verweist dann auf die erbrachten Leistungen: Einen Essensgutschein, eine Hotelübernachtung sowie Schadenersatz in Form einer Kreditkarte im Wert von 220 Pfund (umgerechnet 250 Euro).

Alles richtig, allerdings zeigte sich die Airline hier nicht besonders großzügig, sondern erfüllte nur die EU-Vorschrift. Die schreibt auch genau die Ausgleichszahlungen vor: Bei Distanzen bis 1500 Kilometer, wie im Fall London-Stuttgart, sind es genau 250 Euro. Weil Amélie minderjährig ist, organisierte British Airways eine Begleitung. Eine Mitarbeiterin brachte das Mädchen ins Hotel und morgens zurück zum Flughafen.

Am Schalter abgewiesen zu werden und am Abend nicht wie geplant nach Hause zu kommen, war für das Mädchen erst ein kleiner Schock, doch sie arrangierte sich schnell mit der Situation. „Ich durfte im Mitarbeiterbereich warten und da war das WLAN super. Und mein Hotelzimmer war auch ganz toll.“

© Gmünder Tagespost 01.12.2017 13:49
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