Zeitreise in eine prächtige Blütezeit

Allwetterprogramm Wenn Nebelgrau und Nieselregen die Wanderlust dämpfen, ist das noch kein Grund zum Daheimbleiben. Spannend ist ein Besuch des Samenhandelsmuseums in Gönningen.
  • Foto: Heimatmuseum Reutlingen

Die Farben verblassen bereits, die Schrift wirkt altertümlich. Doch das Plakat von 1852 listet ein erstaunlich modernes Sortiment auf: Kirschtomaten, Kürbis, Chicorée, Melone. Der Chicorée war zwar kraus und grün und die Gurken weit entfernt von irgendwelchen EU-Normen, aber das Gemüse war äußerst gefragt. „Die Gönninger handelten schon sehr früh mit Spezialitäten aus aller Welt“, erzählt Rainer Ganzner. Er betreut das Samenhandelsmuseum im Bezirksrathaus von Gönningen, heute ein Stadtteil von Reutlingen.

Musterbuch für Unbekanntes

Die Plakate dienten den Händlern als Werbeprospekt. So konnten sie ihren Kunden zeigen, was sich aus den schrumpeligen Samen entwickelt. Manche Kaufleute trugen sogar ein handgemaltes Musterbuch mit sich –mit frei erfundenen Namen für wenig bekannte Pflanzen.

Wie mühevoll der Alltag der früheren Handelsreisenden war, zeigen ihre Utensilien: der Zwerchsack, der, gefüllt mit Sämereien, viele Kilo schwer über der Schulter hing, oder aber der Wanderstock mit stabiler Spitze, mit der sich die Händler gegen Räuber verteidigten. Denn Waffen durften die Händler nicht tragen, obwohl sie vom Atlantik bis zur Krim unterwegs waren. Die Gebiete teilten sie in sogenannte Samenstriche auf. Das war eine Fläche, die groß genug war für den Lebensunterhalt einer Familie. Weil ein Samenstrich vererbt wurde wie andernorts Grund und Boden, wurden die Stücke allmählich immer kleiner. Um dennoch ihre Familie zu ernähren, dehnten die Erben ihr Handelsgebiet immer weiter aus.

Der Samenhandel beschäftigte alle Familienmitglieder, wie man in der historischen Packstube sieht. In den Regalen stapeln sich Tüten aller Größen. Säckeweise Sämereien zeugen von der Angebotsvielfalt, die Messgeräte von den gewichtigen Unterschieden. Die Balkenwaage stemmte bis zu einen Zentner Bohnen, dagegen waren Begoniensamen ein Fall für die Goldwaage. „Ein Gramm enthält etwa 50 000 Körner und kostete dreimal so viel wie Gold“, sagt Rainer Ganzner.

Die Gönninger handelten früh mit Spezialitäten aus aller Welt.

Rainer Ganzner
Betreuer des Samenhandelsmuseums

An der Wand hängt eine Batterie von Messlöffeln aus Aluminium und Messing, aber auch aus Elfenbein und sibirischem Walrosszahn. Am Rand des Packtischs stapeln sich Maßbecher für die Blumenzwiebeln. Mit einem Keimbrett aus Ton testete der Samenhändler seine Ware auf ihre Keimfreude. Jede Familie hatte ihr eigenes Sortiment. Das abgegriffene Buch mit handschriftlich notierten Bezugsquellen war ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Im Zeitalter weltweiten Internethandels ist es nur mehr ein Museumsstück.

Anfänge der Blütezeit

Bis heute erinnert in Gönningen nicht nur das Samenhandelsmuseum an die Blütezeit des Ortes, die im 19. Jahrhundert damit begann, dass ein Gönninger von seinen Reisen fremdartige Sämereien mit in die Heimat brachte und sie mit einem Riesengewinn verkaufte. 1860 gab es schon 1200 Samenhändler-Familien in Gönningen. Man reiste bis Italien, Spanien und Marokko, um Gemüsesamen und Blumenzwiebeln zu kaufen. Nach oft monatelangen Reisen kehrte man mit den Schätzen zurück und alle halfen mit, die Samen und Zwiebeln abzufüllen, zu verpacken und zu beschriften. Anschließend machten sich die Reisenden wieder auf den Weg, diesmal zu Kunden. Sie reisten zu Fuß oder mit Pferden bis nach Sankt Petersburg.

Vom Erfolg der Gönninger Samenhändler zeugen das prächtige Rathaus und viele repräsentative Wohnhäuser. Um 1850 begannen die Samenhändler, ihre Toten mit einem kostbaren Grabschmuck zu ehren: Tulpen. Damals kostete eine Tulpenzwiebel so viel, wie ein Handwerker an einem Tag verdiente. Die Frühlingsblüher aus den Bergen Vorderasiens gediehen am Fuß der Alb prächtig. So prächtig, dass sich Württembergs Königin Charlotte 1926 zur Tulpenblüte chauffieren ließ. Die gibt es immer noch: Jeden Herbst treten Feuerwehr und Schüler zum Zwiebelstecken an und im Frühjahr bringen 40 000 Tulpen und Narzissen Gönningen eine neue Blütezeit.

© Gmünder Tagespost 01.12.2017 17:39
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