Den Duft des Sommers speichern

Brauchtum Die sommerliche Kräuterweihe ist eine alte Tradition. In den Kräuterbüschel gehören, je nach Region, ganz bestimmte Heilpflanzen.
  • Ein Kräuterbuschen bringt Sonne ins Haus und in die Seele. Auch als Tee helfen die verschiedenen Kräuter gegen allerlei Weh-Wehchen.
    Fotos: Helga Schneller; Pixabay (2)

Als Kind wusste ich stets, was ich am Nachmittag des 14. August zu tun hatte: Kräuter sammeln! Denn am nächsten Tag wurde das katholische Hochfest Mariä Himmelfahrt gefeiert, verbunden mit der traditionellen Kräuterweihe. Die Wegränder und Wiesen hinter unserem Dorf boten eine blühende Vielfalt an Wildkräutern und Feldblumen, und so waren die grünen Zutaten für den „Kräuterbüschel“ bald zusammen. Ergänzt mit Gartenkräutern und Blumen wurde daraus ein bunter, duftender Strauß, den wir mit zur Messe nahmen. Versehen mit dem kirchlichen Segen, wurde der Kräuterbüschel anschließend im Haus aufgehängt. Dass wir damit einer tief verwurzelten Tradition folgten, war mir damals nicht bewusst.

Eine uralte Tradition

Schon seit dem 9. Jahrhundert ist die Kräuterweihe zum Himmelfahrtstag, dem 15. August, überliefert. Vor allem in Bayern und in Regionen mit überwiegend katholischer Bevölkerung sowie einigen Gebieten Österreichs wird der Brauch bis heute lebendig gehalten. Dass der Gottesmutter mit Heilsamen und aromatischen Pflanzen gehuldigt wird, hat seinen tieferen theologischen Sinn. Denn der Legende nach entströmte dem geöffneten, leeren Grab Mariens ein herrlicher Duft nach Kräutern und Rosen. Die römisch-katholische Kirche formte daraus ein Sinnbild für göttliche Reinheit und Vollkommenheit. Von der Sommersonne durchdrungene Kräuter besitzen naturgemäß die höchste Aromafülle und Heilkraft, und die zum Himmelfahrtstag gesammelten Pflanzen sollen noch einmal besonders wirkungsvoll sein. Allerlei magische Vorstellungen, entlehnt aus vorchristlicher Zeit, ranken sich um die Kräuterbüschel oder -boschen.

Die Regeln der Regionen

So soll die Anzahl der verwendeten Kräuter nicht zufällig sein, sondern bestimmten Regeln folgen. Je nach Region bestehen die Sträuße aus sieben Kräutern (Zahl der Wochen- bzw. Schöpfungstage), 9 (dreimal drei für die hl. Dreifaltigkeit), 12 (Zahl der Apostel), 14 (Zahl der Nothelfer), 24 (zwölf Stämme Israels und zwölf Apostel Christi) oder sogar 72 (sechsmal zwölf, Zahl der Jünger Jesu).

Zu den traditionellen Kräuterbuschen-Pflanzen zählen viele heimische Heilkräuter, die seit Alters her in der Volksmedizin ihren festen Platz haben. Ganz klassisch bildet eine Königskerze, auch Muttergotteskerze genannt, als „Zepter“ die Mitte des Gebindes. Mit ihrem hohen Anteil an Schleimstoffen zählt die Königskerze (Verbascum) seit jeher zu den Hustenkräutern und lindert vor allem trockenen Reizhusten. Ebenso unverzichtbar sind das Echte Johanniskraut (Hypericum perforata), Schafgarbe (Achillea millefolium) und Kamille (Matricaria chamomilla), die allesamt zu den sogenannten Frauenkräutern zählen.

Johanniskraut mit seinem blutroten Öl wird schon seit rund 2000 Jahren medizinisch verwendet. Äußerlich helfen Johanniskraut-Rotöl oder Johanniskraut-Salbe bei Verbrennungen, Rheumaschmerzen und Wunden. Innerlich ist die Pflanze als stimmungsaufhellendes Kraut bekannt, das Sonne in die Seele bringt. Schafgarbe und Kamille haben krampflösende, blutstillende und entzündungshemmende Eigenschaften und werden traditionell bei Unterleibsbeschwerden eingesetzt.

Reinigende Räucherrituale

In den Kräuterbuschen gehören außerdem Eisenkraut (Verbena officinalis) und Beifuß (Artemisia vulgaris), Pflanzen, mit denen gerne reinigende Räucherrituale vollzogen werden. Der Echte Alant (Inula helenium) mit seinen sonnengelben Blüten zählt zu den seit der Antike verwendeten Heil- und Färbepflanzen. Seine Wurzel wurde vor allem bei Bronchialleiden und Magenbeschwerden verabreicht. Er soll zudem Dämonen abwehren, und in manchen Regionen wurden früher so viele Alantblüten in den Kräuterstrauß gebunden, wie Menschen, Kühe und Pferde auf dem Hof lebten.

Auch Arnika, Spitzwegerich, Rainfarn, Baldrian, Wermut, Thymian, Kümmel, Salbei und Minze sind, je nach Verfügbarkeit, Teil des duftenden Kräuterbuschens. Jeweils drei Halme der verschiedenen Getreidesorten sollten nicht fehlen, und zum Ausschmücken kommen Blumen aus dem Garten dazu, zum Beispiel Ringelblumen und die Rose als typische Marienpflanze.

Gelebte Volksfrömmigkeit

Auch wenn unser modernes Leben derlei Aberglauben kaum mehr zulässt, ist die Kräuterweihe auch heute noch ein Ausdruck gelebter Volksfrömmigkeit.

Ich führe die Tradition des Kräuterbuschens inzwischen in meiner eigenen Familie weiter. Sobald wir am 15. August das neue Kräuterbündel aufhängen, lege ich den Strauß vom Vorjahr in den Kaminofen. Mit dem ersten Feuer eines kühlen Herbstabends steigt der Kräuterrauch in den Himmel und mit ihm unsere dankbare Erinnerung an den vergangenen Sommer.

Schutzschild gegen Blitzschlag und Hexenzauber

Der geweihte und im Stall oder Haus aufgehängte Kräuterbuschen galt unseren Vorfahren als Schutzschild gegen alle möglichen negativen Einflüsse wie Blitzschlag, Hexenzauber und Krankheiten. Er sollte zu einer glücklichen Ehe verhelfen, die Fruchtbarkeit fördern und fungierte ebenso als stets griffbereite Hausapotheke. Bei Bedarf wurde aus den getrockneten Kräutern ein Tee bereitet oder eine Handvoll ins Viehfutter gemischt.
Drohte ein Gewitter, warf man Kräuter aus dem Buschen einfach ins offene Feuer.

© Gmünder Tagespost 10.08.2018 15:17
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