Wo Asterix und Hobbits wohnen

Frankreich Der Name „Morvan“ ist keltischen Ursprungs und bedeutet „dunkles Gebierge“. Schon die Bezeichnung des Granitmassivs lässt an Elfen, Hobbits und schaurige Ringgeister denken.

Morvan - was für ein Name! Uralte Zeiten hallen in ihm wider! Tief im Osten unseres Nachbarlandes gelegen, ist der Morvan die erste Barriere für die Wolkenmassen des Atlantiks. Ein dicht bewaldetes Mittelgebirge, nebelumfangen im Herbst und Winter, wegen seines fast unendlichen Wasserreichtums im Frühjahr und milden Sommer aber getränkt in üppigstes Grün.

Wer eine Reise nach Mittelerde unternehmen will, könnte hier richtig sein. Schon die Bezeichnung des dunklen Granitmassivs lässt an Elfen, Hobbits und schaurige Ringgeister denken. Der Name „Morvan“ ist keltischen Ursprungs und bedeutet „schwarzes Gebirge“, und bekanntlich hat sich auch J.R.R. Tolkien gerne eines (pseudo-)keltischen Idioms bemächtigt. Tatsächlich wird die Endsilbe natürlich nasal ausgesprochen.

Der unbekannte Osten

Wir befinden uns im Osten Frankreichs, genauer gesagt in Burgund. Dieses geologisch zum Zentralmassiv gehörende Mittelgebirge ist hierzulande so gut wie unbekannt. Burgundreisende streifen es allenfalls, wenn sie das einst römische Autun oder die berühmte Basilika von Vézelay besuchen. Womit auch die Südost- und Nordgrenzen des Morvan umrissen wären. Im Westen läuft das Gebirge etwa bei Corbigny sanft aus, im Süden schroff, südlich des Mont Beuvray. Die 821 Meter hohe Landmarke ist so etwas wie der sagenhafte Höhepunkt dieses ohnehin sagenumwobenen Waldgebirges, das einem Rechteck von etwa 70 mal 50 Kilometern gleicht. Den Schutzstatus eines Parc naturel regional genießt der Morvan übrigens auf Betreiben von Francois Mitterand, der dank Ämteranhäufung auch Bürgermeister des 2000-Seelen-Städtchens Chateau-Chinon war.

Wie in der Schlucht der Canche östlich von Autun, rauschen die Wassermassen in diesem rund 280 000 Hektar großen Naturpark nach den ergiebigen Regenfällen im Winterhalbjahr kaskadenartig durch die tief eingeschnittenen Täler. Der Wasserreichtum bietet Vögeln ideale Bedingungen: Tafelenten, Blässhühner, Haubentaucher, Eisvögel und Graureiher nisten an den unzähligen Teichen und Seen. Mehr als 50 Säugetierarten bewohnen die dichten, feuchten Mischwälder, darunter das Europäische Mufflon und die seltenen Wildkatzen.

Das Holzlager von Paris

Legendär ist der Reichtum an geschützten Pflanzen, die auch Thema im Herbularium des Naturparkzentrums in Saint-Brisson sind. Die meisten Wildbäche, wie die malerische Cure und der Cousin, entwässern nach Nordwesten in die Yonne, die ihrerseits in die Seine mündet. Ein Umstand, der das Mittelgebirge jahrhundertelang zum Holzlager der französischen Hauptstadt machte. Es waren die Flößer des Morvan, die zu einem Großteil den Pariser Holzbedarf deckten. Die Stauseen wie der Lac des Settons dienten wiederum der Wasserregulierung der burgundischen Schiffskanäle, über die die Metropole mit Lebensmitteln versorgt wurde. Arm blieb die abgelegene Waldgegend dennoch. So arm, dass sich die Frauen des Morvan traditionell als Ammen verdingen mussten. Waisenkinder und so mancher Bürgersprössling tranken sich an den Brüsten der „nourrices morvandelles“ satt.

Die hübschen Dorffeste

Wer hier Urlaub macht, sucht die Abgeschiedenheit

Torsten Schöll Autor

Seit diesen Tagen hat sich die ökonomische Situation der Bewohner nicht wesentlich verbessert. Dem ohnehin dünn besiedelten Landstrich mit seinen kleinen, heckenumsäumten Weiden – eine dieser typisch französischen Bocage-Landschaften – kehren immer mehr Bewohner den Rücken. Zuziehende sind entweder Pensionäre, die hier einen beschaulichen Lebensabend verbringen wollen, oder Zivilisationsflüchtlinge auf der Suche nach dem „echten Frankreich“. Zu diesem „France profunde“ passen denn auch so hübsche Dorffeste wie das sommerliche Heidelbeerfest von Glux-en-Glenne oder der Esskastanienmarkt von Saint-Léger-sous-Beuvray. Und die cremefarbenen Charolais-Rinder, die in diesem Bild einer fast ungetrübten, wenngleich regenreichen „Landlust“-Idylle auf den unbefangenen Betrachter wie impressionistische Farbtupfer wirken. Aus touristischer Perspektive ist der Morvan vor allem eine Wanderregion erster Güte. Uns führte der Weg mit Kind und Kegel häufig durch die grüne Schlucht der Cure im Norden des Naturparks, wo in den farndurchwachsenen Wäldern uralte Dolmen versteckt liegen.

Nicht allzu viele Touristen

Entlang der Flüsse des Morvan bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, Kajaks oder Kanus zu mieten, Kletterer finden an den Granitvorsprüngen hoch über den Tälern ihr Revier, und an den großen Stauseen lässt sich im Sommer surfen, segeln und baden. Und das Beste: Da der Morvan selbst unter Franzosen den Status eines Geheimtipps hat, trifft man hier auch in der Hauptsaison auf nicht allzu viele Touristen. Wer hier Urlaub macht, sucht die Abgeschiedenheit – mitunter ganz ohne Handyempfang und Internetzugang.

Eine Abgeschiedenheit übrigens, die den Morvan im Zweiten Weltkrieg zu einem der Rückzugsorte der Résistance machte – einem sogenannten Maquis. Weshalb es in Saint-Brisson auch ein besuchenswertes Museum zu dem Thema gibt. Geschichte geschrieben wurde im Morvan aber rund 2000 Jahre zuvor. Denn auf dem Gipfel des erwähnten Mont Beuvray thronte einst das legendäre Bibracte, die Hauptstadt der keltischen Haeduer. Ein riesiges Oppidum mit zeitweise über 10 000 Einwohnern, was es zwischen 200 und 50 v. Chr. zu so etwas wie einer Großstadt machte. 52 v. Chr. versammelten sich in Bibracte die gallischen Stämme und wählten den legendären Vercingetorix zu ihrem Oberbefehlshaber, der daraufhin hier mit Julius Cäsar verhandelte. Der Imperator schlug den gallischen Aufstand freilich kurz darauf im nicht weit entfernten Alesia blutig nieder. Danach war ganz Gallien besetzt von den Römern. Ganz Gallien? Nein … Wir kennen den Rest.

Ein Schuss Herr der Ringe

Kein Wunder also, dass sich auf dem Mont Beuvray heute eine der bedeutendsten gallischen Ausgrabungsstätten sowie ein wirklich sehenswertes Museum befindet. Zu Dolmen, Kelten und Druidenwäldern passt dann eben auch ein Schuss Herr der Ringe.

Das dachten sich offenbar auch die Macher eines kleinen Hobbit-Dorfes, das am Rand des Lac de Chamboux entstand. Dort lässt sich seit kurzem in mit Pflanzen gedeckten Erdhäusern durchaus komfortabel von Elfen und Zauberern träumen, die in Vollmondnächten durch ein geheimes Tor von Mittelerde in den Morvan gelangen.

© Gmünder Tagespost 07.09.2018 16:30
278 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.