Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Finnland Fiskars, jahrhundertelang ein Zentrum der Metallindustrie Finnlands, ist heute ein bedeutendes Kultur-, Kunst- und Designzentrum im Land der großen Wälder und Seen.
  • Foto: Elina Sirparanta / Visit Finnland

Finnland gilt als Land der tausend Seen –eine maßlose Untertreibung. Die ganze Landkarte ist durchzogen von blauen Flecken und Flächen. Und trotzdem gibt es an einem kleinen Ort unweit von Helsinki so etwas wie eine Oase: das Zuhause von Karin Widnäs. Dichter dran kann man nicht sein an dem Grün, Blau und Rot der Birken, Kiefern, Seen und Stachelbeersträucher: Nur eine Glaswand trennt das Außen vom geschützten Innern, man fühlt sich wie in einer Weltraumkapsel, in der man in und durch den Wald schwebt.

Die Mittfünfzigerin hat ihre ersten Keramikwerke in einem winzig-dunklen Garagenatelier in Helsinki entworfen – bis sie von Fiskars hörte. „Ich war damals vor 20 Jahren eine der ersten Verrückten, die nach Fiskars kamen. Das Dorf war absolut tot. Aber ich habe gespürt, da ist eine gute Energie.“ Tatsächlich machten die endlosen Waldgebiete und die ebenso großen Vorräte an Wasserkraft zum Betrieb von Hammerwerken und Maschinen, der nahe gelegene Tiefwasserhafen und nicht zuletzt die Kriegslust der Europäer Fiskars seit dem 17. Jahrhundert zum Zentrum der Metallindustrie: Kriegsherren in ganz Europa setzten auf Waffen made in Fiskars, bis hin zum Zweiten Weltkrieg.

Die Zeche Zollverein Finnlands

Das Fiskars von heute hat, zumindest auf den ersten Blick, mit der einstigen Eisenhütte nicht mehr viel zu tun. Die Schornsteine rauchen nicht mehr, durch das Dorf plätschert friedlich ein Bach, bis hin zum See mit seinen Ruderbooten und der Sauna für alle. Fiskars ist heute so etwas wie das Ruhrgebiet oder die Zeche Zollverein von Finnland: das bedeutendste Kultur-, Kunst- und Designzentrum im gesamten Land.

Das Ende des Ostblocks und vor allem der Zusammenbruch der Sowjetunion als wichtigstem Handelspartner stürzte Finnland Ende der 80er Jahre in eine Depression, aus der erst Nokia sein Volk wieder herausholte. Nokia war für die Finnen nicht nur eine Firma, sondern der neue Nationalstolz, die Seele Finnlands.

Mietpreise waren lachhaft

Nur: Die Erfolgsgeschichte ging an der Eisenhüttenstadt Fiskars vorbei, der Ort war verwaist, die Dorfoberen besannen sich schließlich auf jene, die genau das brauchten, was Fiskars bieten konnte: billigen Wohn- und Arbeitsraum. Es war nicht sonderlich schwer, die Künstler nach Fiskars zu holen. Die Mietpreise waren, gerade im Vergleich zum eine Stunde entfernten Helsinki, fast schon lachhaft.

Ich war damals eine der ersten Verrückten.

Karin Widnäs Keramikkünstlerin

Und die, die kamen, überzeugten Freunde und Bekannte davon nachzuziehen. Heute sind mehr als 120 von 600 Einwohnern Künstler, etwa ein Dutzend schon in der zweiten Generation. Fiskars hat ein eigenes Orchester und ein Theater. Und mittlerweile ist Karin Widnäs nur einer der Namen, die man auch in Tokio, New York oder Berlin kennt. Der Bildhauer Hannu Sirén ist ein anderer, oder auch Nikari mit seinen hochwertigen Holzmöbeln.

Aufstrebender Tourismus

An der Dorfstraße reihen sich Läden, Ateliers und Cafés wie Perlen an einer Schnur. Betrieben werden sie von einer Genossenschaft, die die Kunstpioniere in den 90er Jahren gründeten und die bis heute ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl im Ort am Leben erhält.

Mit diesem Gemeinschaftssinn, zusammen mit all der Kunst im Dorf, gewann der Ort kürzlich den Preis Culture Eden Finnland – Teil des Wettbewerbs European Destination of Excellence der Europäischen Kommission. Und gilt damit ganz offiziell als aufstrebendes Kulturtourismusziel Finnlands. Aber auch ohne Auszeichnung begegnet man im Ort ausnehmend freundlichen Menschen, egal ob die Künstler einen Namen haben oder sich mit Stipendien über Wasser halten und nicht in einem exklusiven Wohnhaus am See leben, sondern in verwitterten roten Holzhäusern.

Und so wie sich die Einwohner umorientiert haben, haben auch die meisten Bauten eine neue Aufgabe: Im einstigen Metallwerk, einem Ziegelsteinbau, kann man jetzt übernachten. Mit dem Berliner Flughafen hat das Hotel Tegel wenig zu tun, eher mit seinem (Wort-)Ursprung: Tegel ist das schwedische Wort für Ziegel.

Vor der Terrasse des Restaurants Kuparipaja, dem alten Kupferwerk, rauscht entspannt ein kleiner Wasserfall.

© Gmünder Tagespost 07.09.2018 17:04
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