Jeden Tag ein wunderbares neues Leben

Traumjob Für viele Mädchen ist Hebamme ein Traumberuf. Doch es steckt weitaus mehr dahinter, als jeden Tag süße Babys auf die Welt zu bringen. Annette Blödorn und Birgit Sterzel gewähren einen Blick in ihren Joballtag.
  • Fotos: Christian Frumolt
  • Die Neugeborenen werden von der Hebamme vermessen.
  • Wichtig ist das Vertrauen zwischen Hebamme und werdender Mutter.

Annette Blödorn ist seit über 30 Jahren Hebamme aus Leidenschaft. 1995 kam sie nach Ellwangen, war schon im „Annaheim“. Bis auf ein Jahr in der Praxis einer Gynäkologin war und ist sie im Kreißsaal tätig. „Mir fehlte dort die Geburtshilfe. Die Geburt ist das höchste Erlebnis“, lächelt sie. Eine bessere Arbeitsatmosphäre als in der St.-Anna-Virngrund Klinik kann sie sich nicht vorstellen. „Wir haben die schönsten Kreißsäle, sagt man, mit einer tollen Aussicht. Das Team ist super, die Arbeit macht sehr viel Spaß. Aber vor allem ist es eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Ärzten. Hier darf die Hebamme noch Hebamme sein“, schwärmt Annette Blödorn.

Situation ist ein Glücksfall

Sie ist sich bei dieser Aussage bewusst, dass die Situation in Ellwangen ein Glücksfall und nicht selbstverständlich ist. Hier sind alle Stellen momentan voll besetzt. Die Belegärzte sind mit Herzblut dabei. Ein Vorteil für die Schwangeren, weil somit die Betreuung von der Praxis über die Geburt bis zum Wochenbett durch den gleichen Arzt erfolgt.

Die Hebammen können die angestrebte 1-zu-1-Betreuung meist abdecken und organisieren sich entsprechend. Sie begleiten die Geburtsphasen einer Frau individuell vom ersten Kennenlernen bis zur Nachsorge.

Den typischen Arbeitstag gibt es für eine Hebamme nicht. „Kinder kommen nicht auf Kommando, jede Schwangerschaft verläuft anders und jede Frau empfindet anders“, gibt Birgit Sterzel zu bedenken. „Aber wir haben auch gleichbleibende Aufgaben.“

Dazu gehört beispielsweise die Hebammensprechstunde. Die Frauen besprechen darin ihre Probleme, Ängste und Erfahrungen in der Schwangerschaft. Die Hebammen lernen sie durch Gespräche genauer kennen, sind für sie da. „Wir nehmen in der Sprechstunde unsere beratende Funktion wahr. Manchmal melden die Frauen sich telefonisch, haben erste Wehen oder fragen generell um Rat“, berichtet Annette Blödorn.

Führungen nehmen die Angst

Oft trifft man sich vorher im Geburtsvorbereitungskurs oder bei der Kreißsaalführung. Die Frauen fühlen sich wohler, weil sie die Ansprechpartner und Räumlichkeiten bereits kennen. Das nimmt ihnen die Angst. Der Kreißsaal ist zudem Anlaufstelle für Schwangerschaftsbeschwerden zu jeder Tages- und Nachtzeit, ersetzt aber nicht die Vorstellung beim Gynäkologen.

„Die Entbindung ist die Hauptarbeit. Das ist eine ganz intime und persönliche Situation mit den Frauen. Deshalb ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen“, erklärt Annette Blödorn. „Wir streben die sanfte, natürliche Geburt an. Gelegentlich sind Kaiserschnitte unumgänglich. Es gab einen starken Trend zum geplanten Kaiserschnitt.

Mittlerweile besinnen sich die meisten Frauen auf das Besondere einer Geburt und treten ihr bewusster entgegen.“

Kinder kommen nicht auf Kommando.

Birgit Stenzel Hebamme

Dabei begleiten die Hebammen jede Frau individuell, beobachten den Geburtsverlauf und stehen den werdenden Mamas mit ganzem Einsatz und allen Fassetten der Hebammenkunst zur Seite.

Vielfältige Aufgaben

Weitere Aufgaben der Hebammen sind vor allem organisatorischer und bürokratischer Natur. Sie schreiben CTGs (Kardiotokografie – Registrierung und Aufzeichnung der Herzschlagfrequenz des ungeborenen Kindes und der Wehentätigkeit), nehmen Blut ab, prüfen das vorhandene sowie verbrauchte Material und füllen es auf, organisieren die Fotos der Neugeborenen, kontaktieren das Standesamt für die Eintragung, führen die exakte Dokumentation als Nachweis bei späteren Nachfragen, besprechen sich mit den Kolleginnen und Ärzten zum weiteren Vorgehen bei jeder Patientin, überprüfen den Dienstplan, ob das geplante Pensum noch zu schaffen ist und reinigen den Kreißsaal inklusive der anschließenden Wiederherstellung für die nächste Geburt. „Wenn weniger los ist, geht das problemlos. Wenn viel los ist, müssen wir Unterstützung anfordern.“, bemerkt Blödorn. Dies geschieht dann in Eigeninitiative.

Die Betreuung im Wochenbett

Ein letzter wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Betreuung im Wochenbett als Nachsorge. Die Hebammen nehmen unterschiedlich viele Frauen zur Nachsorge an, je nachdem, wie sie noch in andere Aufgaben, beruflich oder privat, eingebunden sind.

Die täglichen Besuche der Neu-Muttis finden außerhalb der Klinikdienstzeit statt, im Rahmen der Freiberuflichkeit bis zum Zeitpunkt, wo die kleine Familie keine Hilfe im Umgang mit dem Kind mehr braucht.

Daher sind die zwei Hebammen, Annette Blödorn und Birgit Sterzel, nicht zu 100 Prozent in der Klinik angestellt. „Ein intaktes Zuhause ist in unseren Familien sehr wichtig. Der Partner muss Früh- und Spätdienste, Sonn- und Feiertagsarbeit oder den verspäteten Feierabend mittragen“, sagt Annette Blödorn abschließend. Denn wie bereits erwähnt, eine Geburt ist nicht auf die Minute planbar.

Unter der Geburt bleiben die Hebammen auch mal etwas länger an der Seite ihrer werdenden Mama, schließlich gehen sie erst zufrieden nach Hause, wenn die frischen Mütter ihre Kinder glücklich und gesund in ihren Armen halten. MWO

Stillen mit der App, Windeln mit Teststreifen - Kinder gebären einst und heute

Die Gesellschaft ist schnelllebig geworden. Scheinbar bekommt man Kinder heute nebenher. Die Frau möchte schnell wieder ,,die Alte“ sein, der Mann im Beruf funktionieren. Das Kind soll sich möglichst dem bisherigen Lebensstil anpassen. Diesen Eindruck haben die Hebammen der St.-Anna-Virngrundklinik über die letzten Jahre gewonnen.

„Ich habe das Gefühl, die Geburt an sich wird heute teilweise weniger geschätzt“, sagt Annette Blödorn, wenn sie auf ihre langjährige Karriere als Hebamme zurückblickt. Die geplanten Kaiserschnitte haben statistisch deutlich zugenommen. Viele Ärzte unterstützen diese Denkweise. Allerdings nicht in der St.-Anna-Virngrundklinik. „Unsere Ärzte haben Gott sei Dank eine vernünftige Verantwortungs- und Toleranzgrenze, streben die sanfte, natürliche Geburt mit uns an“, freut sich Annette Blödorn.

So geht der Trend zumindest in Ellwangen wieder zu einer bewussten Geburt. Doch der Weg dahin scheint heute schwieriger zu sein. Künstliche Befruchtungen nehmen zum Beispiel zu, weil die werdenden Mütter mehr Stress im Alltag haben und sich selbst mehr Druck machen. Nach der Geburt hören sie dann weniger auf ihr Gefühl, sondern vertrauen Apps und Teststreifen in der Windel. „Die Frauen sollen sich selbst spüren können und Vertrauen in sich selbst haben. Ihr Körper ist ihr bester Ratgeber“, betont Annette Blödorn.

„Früher bekam die Frau ihr Kind in der Rückenlage. Es wurde versorgt, gewaschen, angezogen und nach einem kurzen Moment mit der Mutter in das Kinderzimmer gebracht. Auch die Väter gehörten damals nicht in den Kreißsaal. Heute verzeichnet man einen großen medizinischen und psychologischen Fortschritt in diesem Bereich. Die Geburt kann in beliebiger Position erfolgen.

Sobald das Kind da ist, wird es auf den Körper der Mutter gelegt. Das nennt man ‚Bonding’, sozusagen, erstes „sich Verlieben“, es fördert die spätere Stillzeit und Kommunikation zwischen Mama und Kind. Im weiteren Verlauf können die Kinder bei der Mutter bleiben oder sie kommen zu deren Erholung mal kurze Zeit ins Kinderzimmer“, berichtet Kollegin Birgit Sterzel und fügt hinzu: „Dafür haben Bürokratie und Dokumentation enorm zugenommen.“

„Frauen denken heute anders als früher“, ist sie sich sicher. „Der Schwangerschaftstest wird entspannt zu Hause gemacht. Wenn die Frauen zu uns kommen, wissen sie meist sogar schon, in welcher Woche sie schwanger sind.

Fehlgeburten werden allerdings tragischer genommen, denn die Kinder sind auf das Leben abgestimmt und eingeplant.

© Gmünder Tagespost 07.09.2018 17:10
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