Vorbei an Burgen und grünen Auen durchs Land wandern

Lahnwanderweg Er lockt mit einer großartigen Wanderroute, die alle Ansprüchen genügt.
  • Die Burg in Runkel Foto: Mauritius

Streit zerstört Freundschaften und Familien, kann zuweilen aber auch positive Nebenwirkungen haben – für das Baugewerbe etwa. In Runkel hatten Maurer und Zimmerleute zwischen 1276 und 1288 alle Hände voll zu tun. Nachdem sich Heinrich von Westerburg mit dem Burgherrn, seinem Vetter, überworfen hatte, ließ er sich einen eigenen Adelssitz bauen. Direkt gegenüber auf der anderen Lahnseite, 300 Meter Luftlinie entfernt, aber deutlich höher am Hang. Westerburg wollte auf seinen Intimfeind hinunterblicken und es genießen, dass dieser zu ihm aufschauen musste.

Kein Zweifel, dass das bei Limburg gelegene Städtchen durch diesen Familienzwist an Attraktivität gewonnen hat: Wo andere nur einen imposanten Feudalbau haben, hat Runkel deren zwei. Komplettiert wird die mittelalterliche Aura durch die Steinbogenbrücke von 1440.

Mit Burgen gesegnet

Wer auf dem 2013 eröffneten Lahnwanderweg unterwegs ist, wird nicht übersehen, dass das Lahntal mit Zeugnissen vergangener Jahrhunderte mehr als gesegnet ist. Die Zahl der Burgen ist enorm, dazu kommen Schlösser, Klosteranlagen, archaische Wassermauern, opulente Stadttore und Parkanlagen.

Zu den eindrücklichsten der insgesamt 19 Etappen gehören die rund um Runkel – auch wegen der Dichte an Sehenswürdigkeiten: dem berührenden jüdischen Waldfriedhof, dem Unica-Marmorbruch, der Villmarer Marmorbrücke, dem spektakulären König-Konrad-Felsen und eben den beiden Vesten von Runkel.

Das große Vorbild des Lahnwanderwegs ist der nahe Rheinsteig, der den Dörfern und Städtchen zwischen Rüdesheim und Koblenz einen ungeahnten touristischen Aufschwung verschafft hat. Ein vergleichbarer Boom ist an der Lahn nicht zu erwarten und doch braucht man vor der erfolgreichsten Route der Republik nicht in Ehrfurcht zu erstarren. Als Wanderrevier hat das Lahntal einen entscheidenden Vorteil: Die Talsohle ist oftmals breiter und nicht vollständig mit Siedlungen, Autostraßen und Bahntrassen verbaut. Zuweilen bewegt man sich durch herrlich grüne Auenlandschaften, rund um Eschhofen bei Limburg etwa oder im Seitental der Salzböde zwischen Marburg und Gießen.

Mit alpinen Charakter

Im letzten Drittel der Lahn hat der vom Deutschen Wanderverband ausgezeichnete Qualitätsweg sogar alpinen Charakter. Das Taunus und Westerwald trennende Tal ist hier so tief eingeschnitten, dass man sich überall wähnt, nur nicht im deutschen Mittelgebirge. Zwischen Obernhof und Dörnberg folgt man einem so schmalen Felsengrat aufwärts, dass der Steig mit Halteseilen, Metallstufen und Leitern gesichert werden musste. Er endet am sogenannten Goethepunkt, an dem ein Aussichtspavillon steht. Wer hier in die Runde schaut, kann nachvollziehen, warum der Dichterfürst diesen Ort anno 1772 „ein schönes Plätzchen zum Sterben“ genannt hat: Obwohl gerade mal 275 Meter hoch, fühlt man sich der Welt abhandengekommen. Der Blick schweift über Hügelmeere und fällt zur Obernhofer Flussschleife hinab.

Die in Balduinstein endende Etappe hat noch einen anderen Superlativ: Nur auf elf Prozent der Strecke werden die Füße mit Hartbelag gequält und lediglich 26 Prozent bestehen aus normalen, also von Forstfahrzeugen befahrbaren Wanderwegen. Die restlichen zwei Drittel sind Fußwege im besten Sinn des Wortes: behaglich schmale Trassen mit Pfad- oder Steigcharakter.

Verschlungene Weglein

Dass der „Hikeline“-Führer für jede Etappe präzise Angaben zur Wegbeschaffenheit macht, ist eine willkommene Entscheidungshilfe. Man weiß so, was einen unterwegs erwartet: idyllische Passagen auf verschlungenen Weglein oder lange Durststrecken auf den Spuren der modernen Land- und Forstwirtschaft. Natürlich werden die mit dem alten Namen „Lei“ bezeichneten Panoramafelsen nicht ausgelassen, selbst wenn man dafür kleinere Umwege in Kauf nehmen muss. Die lohnen sich schon deshalb, weil dort fast immer auch eine Sitzbank steht. Wahrlich umwerfend ist der Blick etwa von der Wolfslei und dem spektakulären Gabelstein, wo man auf die Lahnschleife von Cramberg hinunterschaut – ein landschaftliches Gesamtkunstwerk. Gut, wenn man früh im Jahr unterwegs ist. Ab Pfingsten kann einen das Lahntal nämlich schon mal an eine Modellanlage des Outdoor-Sports erinnern: kein Flussabschnitt, auf dem nicht wenigstens zwei Kanus zu sehen sind, am Ufer sind die Radler unterwegs.

Auf hohe Temperaturen gar nicht angewiesen, kann sich der Wanderer schon im März oder April auf den Weg machen und hat das Terrain dann für sich. Als hilfreich erweist sich auch die im Stundentakt verkehrende Regionalbahn. Bei schlechtem Wetter oder wenn man vor verschlossenen Gasthaustüren steht. Vor allem in der Nebensaison öffnen viele Wirte während der Woche erst am späten Nachmittag. Wer sich morgens nicht genug in den Rucksack gepackt hat, beginnt die vielen Höckerschwäne auf dem Fluss irgendwann im Blick auf ihren kulinarischen Nährwert zu betrachten. Kein Problem ist die Versorgung in den urbanen Zentren, die alle einen Besuch wert sind, allen voran Marburg, Wetzlar, Limburg, Weilburg, Diez und Bad Ems. Sehenswert sind aber auch kleinere Städtchen wie Bad Laasphe, Biedenkopf, Braunfels und Nassau. Leider ist der Mut zur Verkehrsberuhigung dort fast überall nur schwach ausgeprägt. Kaum ein Markt- oder Rathausplatz, auf dem nicht Autofahrer kreisen.

Schade ist auch, dass man an der oberen und mittleren Lahn kaum etwas vom Fluss sieht und man sich gelegentlich sogar kilometerweit von ihm entfernt. Wanderwege, die einen Fluss im Namen tragen, erwecken nun mal Erwartungen, die sich nur schwer einlösen lassen. Denn die mechanisierte Landwirtschaft hat den Weglein entlang der Wasserläufe schon in den 1970er Jahren den Garaus gemacht. Seit vor rund 20 Jahren der Radelboom ausbrach, ist es für Fußgänger in den Talsohlen noch ungemütlicher geworden. Zum einen weil sie von den Radlern an den Rand gedrängt werden, zum anderen weil im Namen des sanften Radtourismus überall asphaltiert wurde.

Doch Glück im Unglück: Ins Gebirge hinaufgetrieben lässt man nicht nur den Outdoor-Trubel hinter sich, man wird auch mit großartigen Aussichten belohnt, dort zumindest, wo die Berge hoch und nah genug am Fluss stehen. Gerhard Fitzthum

© Gmünder Tagespost 09.11.2018 16:30
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