Jedes Teil ein wundervolles Einzelstück

Kreativität Die Goldstadt Pforzheim blickt auf eine lange Tradition der Schmuckindustrie zurück und setzt auch heute noch auf edles Geschmeide. In Workshops können Besucher selbst Stücke fertigen.
  • Fotos Frühauf/passionsjewellery

Auf dem Arbeitstisch in den Schmuckwelten liegt ein Schwämmchen. Darin steckt ein hölzerner Spieß – mit einer weißen Papierkugel als Köpfchen, daneben ein Wasserglas mit einer Spritze. Sie ist mit einer grauen Masse gefüllt, dem Knetsilber: Das sogenannte Art Clay Silver besteht aus zerriebenen Silberpartikeln. Durch die Zugabe von organischen Bindemitteln und Wasser wird es formbar und eignet sich somit perfekt zur Schmuckherstellung. Das ist auch schon alles, was die Teilnehmer des Workshops brauchen, um filigrane Schmuckkugeln als Anhänger für Ohrringe oder Halsketten zu fertigen.

„Die Spritztülle fehlt noch“, erklärt Goldschmiedin Dorothea Schmid-Zefferer, die seit knapp zehn Jahren Kurse in der Schmuckwelten Werkstatt leitet. Zur Wahl stehen grüne, pinke und blaue Spritzaufsätze. Wer seine Papierkugel mit besonders feinen Silberfäden überziehen möchte, wählt Blau, die grüne Tülle spuckt gröbere Fäden aus und pink schafft die goldene Mitte. Sobald der Aufsatz auf der Spritze sitzt, wird losgedrückt. Schon nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass nicht nur eine ruhige Hand, sondern vor allem Kraft in den Fingern nötig ist. Das Aufbringen der feinen Paste erfordert vor allem Druck.

In Kreisen, Schlangenlinien oder im Zickzack spritzen die Hobbydesigner Knetsilber auf die Kugeloberfläche. So wie jeder mag. „Es sieht zwar ziemlich wirr aus, aber mir gefällt es“, sagt eine der Teilnehmerinnen beim Blick auf ihre Kugel. Bald ist eine Pause nötig, denn nur ein gleichmäßiger Druck sorgt für einen gleichmäßigen Auftrag.

Spritze zurück ins Wasser

Jeder hat seine ganz eigene Handschrift“, stellt Dorothea Schmid-Zefferer beim Betrachten der einzelnen Kugeln fest. „Mit einem Pinsel kann man die Fäden leicht verbinden.“ Dabei tupft sie vorsichtig mit den Borsten über die millimeterdünnen Schnüre, die eine Hälfte des Papierbällchens bedecken. „Wichtig ist, dass die Spritze wieder zurück ins Wasser kommt“, sagt die Schmuckdesignerin. Sonst trocknet das Material aus und lässt sich nicht mehr so einfach auftragen. Art Clay Silver gibt es auch als festere Modelliermasse, die sich ähnlich wie Ton aufbauen und strukturieren lässt. Mit einer flüssigeren Variante können auch geäderte Blätter abgeformt werden. Die Goldschmiedin zeigt ein Ginkgo-Blatt, das komplett mit Clay Art Silver überzogen ist. Nach dem Brennen im Ofen zwischen 600 und 800 Grad verfestigt sich die Masse zu solidem, praktisch reinem Silber, wobei auch die feinen Ginkgo- Strukturen erhalten bleiben. „Eigentlich spricht man von Sintern“, verdeutlicht Dorothea Schmid-Zefferer den rund zehnminütigen Vorgang. Beim Erhitzen verbrennen die Papierkugel sowie Wasser und Bindemittel. Das gewonnene Silber ist hart geworden und an den Berührungsstellen zusammengewachsen. Nach einer kurzen Ruhepause für Daumen und Zeigefinger geht es weiter mit der schöpferischen Arbeit, bei der die Workshop-Teilnehmer alle Hände voll zu tun haben. Mit zunehmender Übung ist die andere Hälfte der Kugel bald mit den Silberfäden überzogen. Ganz nach Geschmack können die Unikate dann mit konventionellen Goldschmiedetechniken verfeinert oder mit ausgewählten Edelsteinen besetzt werden.

Es sieht zwar ziemlich wirr aus, aber mir gefällt es.

Teilnehmerin am Workshop

Erste Gewerbeschule der Welt

Wer Anregungen für die eigene Kreativität braucht, kann eine Runde durch die angeschlossene Galerie drehen und die zahlreichen Kunstwerke internationaler, nationaler und lokaler Designer bestaunen. Rund 80 Prozent des aus Deutschland exportierten Schmucks kommen auch heute noch aus Pforzheim. In der Stadt und dem Enzkreis arbeiten über 11 000 Arbeitnehmer in der Schmuck- und Uhrenindustrie. 1768 wurde bereits die heute noch existierende Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule gegründet – die erste Gewerbeschule der Welt. Das Schmuckmuseum und das Technische Museum der Schmuck- und Uhrenindustrie erzählen die Geschichte der Kostbarkeiten über die letzten Jahrhunderte hinweg.

Zurück in der Gegenwart wird noch einmal der Pinsel in die Hand genommen, um den Silberkugeln den letzten Schliff zu verpassen, aufgespießt warten sie danach aufs Sintern. Am Ende hat jeder sein ganz persönliches Unikat.

© Gmünder Tagespost 16.11.2018 16:16
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