Wo die Fische das ganze Jahr beißen

Ostsee Rügen ist das ganze Jahr ein beliebtes Angelrevier: Im Herbst kann man große Hechte fangen – oder auch nicht. Zu Besuch in einem der attraktivsten Reviere Deutschlands.
  • Foto: Lerchenmüller

Wenn die flache Ostsee nach Meinung vieler Meeresbiologen nichts anderes als eine überschwemmte Wiese ist, sind die Bodden rund um Rügen nicht mehr als eingenässte Golfplätze. Gerade mal drei, vier Meter tief säumen die buchtenreichen Gewässer die Insel. Entstanden sind sie, als das Meer vor 6 000 Jahren Schutt und Sand von den Steilküsten abschmirgelte und weiter draußen als schmale Streifen anschwemmte, sogenannte Sandhaken. Sie trennen heute die Bodden vom offenen Meer. In diesen Lagunen der Ostsee plätschert salzärmeres Brackwasser, am Grunde wachsen Algen und Seegras. So werden sie zum idealen Laichgrund für Heringe, die ihre Eier daran kleben, und zur Kinderstube für zahlreiche andere Fische.

Auch heute liegt das Wasser weit und still wie in einer riesigen Badewanne. Von Schaprode aus tuckert das offene Leichtmetallboot nach Westen. Es geht dem Fisch entgegen. Und der Weg dahin ist in den Bodden nie weit.

„Silber des Meeres“

Fisch spielte auf Rügen immer eine bedeutende Rolle. Und noch immer sind zahlreiche Spuren aus dieser Vergangenheit zu entdecken. Der Radfahrer-Themenweg „Silber des Meeres“ versucht, einige Stationen zu verknüpfen. Er passiert das Seefahrerhaus in Sellin, das Hafenmuseum und die moderne Fabrik von Rügenfisch in Saßnitz, die alten Hafenanlagen in Mukran und kleine Fischerdörfer wie Baabe, Dranske und Vitt. Die Schilder mit dem blauen Heringslogo erklären nicht nur, wie einst gefangen, gesalzen und geräuchert wurde, sondern weisen auch ganz pragmatisch auf einschlägige Gaststätten und Räuchereien an der Strecke hin.

Im Nautineum auf der Insel Dänholm, ist die „STR-9“, der perfekte Nachbau eines Zeesbootes, ausgestellt – samt Geschirr, Netz und Beiboot fertig zum Auslaufen, wie 1870 das Original. Die Boote mit den braunen Segeln prägten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Bild der Bodden. Wie sich später in der DDR die Fischerei entwickelte, dokumentiert das Meeresmuseum Stralsund. Da liegen die 90 Kilo schweren Kugeln der Grundschleppnetze herum, die den Meeresboden verwüsteten. Ab 1967 waren ganze Fangflotillen im Einsatz. In einem der Mutterschiffe gab es neben den Frosträumen eine Leberölanlage und eine Fischmehlproduktion. Und auch das kulinarische Element kommt nicht zu kurz: Dosen mit „Heringsfilets in ungarischer Tunke“ lassen das Herz nostalgischer DDR-Genießer höherschlagen.

Mal sehen, was heute da unten Anklang findet.

Uwe Hinz Angel-Guide

Angler dicht gedrängt

Während die Zahl der Berufsfischer in den letzten Jahren aber stetig abnimmt, steigt die der Angler. Die Insel ist eines der beliebtesten Reviere Deutschlands. Geangelt wird das ganze Jahr über: Im Winter geht es in Booten auf Lachse und vom Ufer aus lassen sich Meerforellen fangen. Im Frühling drängen die Heringsschwärme zum Laichen in die Bodden, nicht nur auf der Brücke zum Festland stehen die Angler dann dicht gedrängt – wie Heringe. Im Sommer fängt man Dorsch und Flunder. Und im Herbst beißen die großen Hechte, Zander und Barsche garantiert – oder auch nicht.

Mit Gummifischchen ködern

Draußen im Schaproder Bodden hat der Wind inzwischen das Wasser geriffelt. Unangenehm kurze, schnelle Hackwellen klatschen gegen das Boot und bringen es zum Tanzen. Uwe Hinz, der Angel-Guide, steckt Haken in blaue und bronzefarbene Gummifischchen – mal sehen, was heute da unten Anklang findet. Sie werden mit der Angel ausgeworfen und vom Boden, auf und ab zuckend, wieder eingeholt. Uwe Hinz ist Mitte fünfzig und hat vom Vertriebsleiter zum Angelführer umgesattelt. Seine schönsten Fahrten seien die, sagt er, bei denen irgendjemand seinen ersten Fisch fängt oder den größten seiner Laufbahn. Schwierig werde es, wenn Neid und Ehrgeiz die Gesichter verzerren, weil einer im Boot besser fängt als die anderen, und Kumpels sich in Konkurrenten verwandeln. Ebenso, wenn Angler im Fangrausch Hering auf Hering ins Boot ziehen, ohne zu wissen, wie sie ihn verwerten sollen. Dann fehle der Respekt vor der Kreatur, in solchen Fällen schreite er schon mal ein. Das Boot schaukelt jetzt stärker. Von Stralsund zieht eine schwarze Wolkenwand heran, weiße Kämme zeigen sich auf den Wellen. Da auch die Anfänger mittlerweile ihren ersten Fisch gefangen haben, beschließt der Guide zurückzufahren. Noch einmal spritzt Gischt von unten, prasselt Regen von oben herab – wie schön, jetzt keinen weiten Weg zurück zu haben. Zehn Minuten später legt das Boot im Hafen von Schaprode an. Niemand hat einen Überraschungsfisch gefangen, aber alle sind zufrieden und heil zurückgekommen.

© Gmünder Tagespost 30.11.2018 12:52
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