Nachts sind alle Pisten grau

Wandern Im urigen Ahrntal gibt es rund um die Uhr, was das alpine Herz begehrt: vom Sonnenaufgangsfrühstück im Skigebiet Speikboden bis zum Nachtlauf für Tourengeher am Klausberg.
  • Foto: Adobe Stock / Leonidkos

Weiße Flöckchen tanzen im Lichtkegel der Stirnlampe. Auf der Uhr der Talstation im Skigebiet Klausberg ist es 18 Uhr. Nur vereinzelt tasten sich noch ein paar verspätete Ski- und Snowboardfahrer in der Dämmerung den Hang hinunter. Es ist kalt und das Thermometer zeigt minus drei Grad. Kehre um Kehre geht es für die Tourengeher auf der rund fünf Kilometer langen Talabfahrt beim Nachtlauf nach oben. Wie eine Glocke aus Dunst hängen die Wolken zwischen den Berggipfeln der Zillertaler Alpen.

Gegen 18 Uhr starten von Dezember bis Ostern jeden Donnerstag die Tourengeher in Richtung Gipfel. Bis auf über 2500 Meter reicht das Skigebiet Klausberg in Steinhaus, das mit dem Speikboden in Luttach und den Dorfliften in Weißenbach und Rein in Taufers die Skiworld Ahrntal bildet – 100 Prozent Schneesicherheit inklusive. Dass die meisten der über 70 Pisten-Kilometer auch bei Schneemangel weiß bleiben, garantieren Beschneiungsanlagen. „Der wöchentliche Tourengeher-Abend im Skigebiet Klausberg ist sehr beliebt“, erklärte der Verkäufer vom Sportgeschäft. „Eine Stirnlampe sollte man schon haben, denn das Flutlicht bleibt beim Nachtlauf aus“, rät er. Also geht auch noch die passende Beleuchtung über den Ladentisch.

Auf der dunklen Piste tauchen die Lampen der Skifahrer immer wieder zwischen den Tannen auf. Selbst wer die Abfahrt am Tag gut zu kennen meint, wird im Dunkeln von so mancher Abzweigung überrascht, die plötzlich im Lichtkegel auftaucht. Von hinten wird es heller – drei Einheimische ziehen vorbei. Ihr Atem hüllt die Läufer in kleine Nebelschwaden – ein Übriges tut auch der Schweiß, der langsam, aber sicher die Funktionskleidung zum Dampfen bringt.

Musik dröhnt in die Ruhe

Eine Stirnlampe sollte man schon haben, denn das Flutlicht bleibt beim Nachtlauf aus.

Verkäufer im Sportgeschäft

Je höher man kommt, desto kühler wird es. Doch die Muskeln sind warm und die Aussicht auf ein Skiwasser mobilisiert auch die letzten Kraftreserven. Die Lichter von Steinhaus werden immer kleiner. Nach eineinhalb Stunden und knapp 600 Höhenmetern dröhnt plötzlich Musik aus der Weißenbachl-Hütte über die Piste. Sie passt so gar nicht zur nächtlichen Ruhe. Also geht es schweren Herzens noch ein Stückchen höher. Die Kristallalm auf 1600 Meter Höhe und die Moaregg-Alm darüber liegen im Dunkeln - sie haben Dienstagnacht beim Flutlichtrodeln geöffnet. Bis zur Speck- und Schnapsalm sind es noch mal 130 Höhenmeter mehr, das Tempo lässt nach. Auf der anderen Piste gegenüber präparieren Hightech-Raupen den Schnee. Dort steht die Hütte vom Gartner-Franz.

Tagsüber bietet das Südtiroler Urgestein den Vorbeifahrenden „Ochsenblut“ mit und ohne Schwanz (Alkohol) an. Endlich taucht die Speck- und Schnapsalm auf, die für ihre Schlutzkrapfen, Teigtaschen und Pizzas beliebt ist. Nach der Rast geht es mit vollem Bauch im Finsteren zurück. Wer lieber bei Tageslicht aktiv ist und eine schöne Langlaufstrecke bevorzugt, ist im benachbarten Kasern richtig.

Die rund zehn Kilometer lange Sonnenloipe im Naturpark Rieserferner-Ahrn bietet Langlaufspaß für Anfänger wie auch für geübte Skater. Das hintere Ahrntal bietet meist bis ins Frühjahr eine perfekte Winterlandschaft, ideal für Skitouren und Schneeschuhwanderungen. Wen es früh aus den Federn treibt, kann jeden zweiten Dienstag mit der Gondel um halb sieben auf den Speikboden fahren. Auf 2 400 Meter Höhe wartet ein Almfrühstück in der Sonnklarhütte – und vielleicht auch ein grandioser Sonnenaufgang über den Zillertaler Berggipfeln.

© Gmünder Tagespost 30.11.2018 12:56
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