„Kölle“, wie es früher einmal war

Virtual-Reality Time Ride heißt eine neue Attraktion in Köln, die jetzt ausgezeichnet wurde. Besucher erleben auf einer Straßenbahnfahrt die Domstadt, wie sie vor 100 Jahren war.
  • Foto: Time Ride

Bau der Hohenzollernbrücke verzögert sich!“, brüllt der Zeitungsjunge mit der Schiebermütze. „Kölscher Klüngel hört nit op!“, fügt er schreiend hinzu. Vom offenen Fenster der Tram aus kann man beobachten, wie der Junge den Passanten an der Rheinufer-Promenade die aktuelle Ausgabe unter die Nase hält. Dann fällt der Blick der Fahrgäste auf einen Mann, der sich von der Auslage eines Obst- und Gemüseladens einen Apfel schnappt und davonläuft. Ein Dieb! Doch die Menschen in der Straßenbahn lächeln. Sie lächeln, weil sie eine Zeitreise machen. Eine Zeitreise in die Domstadt Köln zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Oder vielleicht lächeln sie auch, weil sie tun, wovon fast jeder schon mal geträumt hat: sich zurückkatapultieren zu lassen in Raum und Zeit, um mitzuerleben, wie es früher war oder zumindest gewesen sein könnte.

Time Ride ist der Name einer neuen Attraktion in der Domstadt. Seit Anfang 2017 haben sich in der in München gegründeten Time Ride GmbH Kulturwissenschaftler, Kunsthistoriker, Tüftler, 3-D-Grafiker und Marketingexperten zusammengefunden, um mithilfe der Virtual-Reality-Technologie, kurz VR, vergangene Lebenswelten wiederauferstehen zu lassen. „Wir haben unzählige historische Quellen, darunter Fotos, Filme und Drucke, ausgewertet. Anhand dieser Dokumente konnten wir uns ein recht gutes Bild davon machen, wie die Stadt damals aussah, und wir konnten sie deshalb weitestgehend authentisch rekonstruieren“, erklärt Matthias Flierl, der Pressesprecher. Dem Team sei es neben der Authentizität auch darum gegangen zu zeigen, dass man Geschichte mithilfe moderner Technologien auf emotionale Art und Weise vermitteln kann. Flierl: „Wir hatten außerdem den Anspruch, unseren Kunden eine Form der Unterhaltung anzubieten, die sie zu Hause auf dem Sofa nicht haben können.“

Alle Sinne ansprechen

Der Praxistest beweist, dass dies durchaus gelungen ist. Bei Time Ride werden alle Sinne angesprochen. Wer während der 15-minütigen Fahrt mit der Tram seinen Kopf aus dem Fenster streckt, fühlt den Fahrtwind auf Haut und Haaren, obwohl die Tram sich keinen Millimeter vom Platz bewegt. Die Fahrgäste hören Wortfetzen der Passanten, die vorübereilen, und das Quietschen und Rattern der Tram. Man glaubt zu spüren, wie sie um die Kurve biegt.

„Wir haben bei der Straßenbahn sogenannte Buttkicker installiert“, sagt Flierl. Das Gerät sorgt dafür, dass sich das Rumpeln anfühlt, als rolle die Bahn tatsächlich über Gleise. Die VR-Brille erlaubt den Zeitreisenden während der Fahrt außerdem einen 360-Grad-Blick: Wer sich auf seinem Sitz umdreht, kann die anderen Fahrgäste in der Straßenbahn sehen. Das ist aber noch nicht alles: Es gibt insgesamt so viel zu sehen und zu entdecken, dass dies bei einer einmaligen „Fahrt“ gar nicht erfasst werden kann. Ganze Straßenzüge wurden am Computer digital nachgebaut – mehr als 600 Häuser insgesamt. Knapp 3 000 virtuell animierte Kölner Bürger haben die Macher in Szene gesetzt. Während die Tram die breite Uferstraße am Rhein entlangzuckelt, kann man Arbeitern zusehen, die die Hohenzollernbrücke bauen. Pferdekutschen queren die Gleise. Und hinter den offenen Fenstern ziehen bekannte Bauwerke wie der Dom und Groß St. Martin vorbei, aber auch solche, die schon lange nicht mehr stehen.

In kölschem Dialekt

Wir hatten außerdem den Anspruch, unseren Kunden eine Form der Unterhaltung anzubieten, die sie zu Hause auf dem Sofa nicht haben können.

Matthias Flierl Pressesprecher

Informationen über die Sehenswürdigkeiten und andere Begebenheiten entlang der Strecke bekommen die Fahrgäste vom Zugführer – natürlich in kölschem Dialekt. Der Kölner Schauspieler Heiko Obermöller hat dem Tram-Führer seine Stimme geliehen. „Dat is Kölle“, ruft er, als zu sehen ist, wie der Apfeldieb seine Beute einem Straßenjungen zusteckt.

Neben der Zeitreise im Tram-Waggon können die Besucher durch Gucklöcher in einer Wand stereoskopische Bilderserien ansehen, die die Stadt Köln damals und heute zeigen. Mitarbeiter zeigen den Besuchern zudem anhand einer historischen Karte, wo die Tramstrecke verlief, auf der sie „fahren“ werden. Anschließend geht es ins „Kinema“. Hier wird ein Dokumentarfilm über die Kölner Stadtgeschichte gezeigt. „Meiner Frau und mir hat es sehr gut gefallen“, lobt Tram-Fahrgast Günther Sperling am Ausgang. Er sei in den 50er Jahren in Köln aufgewachsen, kenne die Domstadt aus der Zeit vor dem Krieg also nicht. „Es war interessant zu sehen, wie unsere Stadt früher einmal aussah.“

Deutscher Tourismuspreis 2018

Seit Eröffnung im Herbst 2017 haben bereits mehrere Zehntausend Besucher die Zeitreise gemacht. „Im touristischen Bereich ist Time Ride damit die erfolgreichste VR-Attraktion in Deutschland“, freut sich Flierl. Auch die Jury des Deutschen Tourismusverbands war beeindruckt und verlieh dem Start-up den Deutschen Tourismuspreis 2018, mit dem jährlich zukunftweisende Projekte im Deutschland-Tourismus auszeichnet werden. Am heutigen Samstag eröffnet ein weiterer Time-Ride-Standort in Dresden. Touristen, aber natürlich auch die Dresdner Bürger können dort in das Leben von „Elbflorenz“ im 18. Jahrhundert eintauchen. Alle einsteigen, bitte!

© Gmünder Tagespost 30.11.2018 16:45
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