Sechs Zahlen und das große Glück

Stuttgart Das Museum der Staatlichen Toto-Lotto GmbH am Stuttgarter Nordbahnhof erzählt über 70 Jahre Lottogeschichte.
  • Foto: Wolfram Scheible

Was sind das eigentlich für Bälle in der Ziehungstrommel?“, fragt Jelena Schramm, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit, zu Beginn der Führung im vielleicht kleinsten Museum Stuttgarts. Schulterzucken bei den Besuchern. „Es sind Tischtennisbälle“, löst Schramm sogleich das Rätsel.

Knapp über drei Gramm wiegen die Glückskugeln. Auf den einstelligen sind die Zahlen 15-mal aufgedruckt und auf den zweistelligen zwölfmal. „Die zweistelligen haben daher zusätzlich eine Lackschicht. Damit alle gleich viel wiegen“, erläutert die Museumsführerin.

Seit 1965 samstags im ZDF

Sie geht zum Herzstück des Museums - einer original Ziehungstrommel aus den 50er Jahren. Per Knopfdruck wird der Mischvorgang gestartet und die roten Kugeln mit den weißen Ziffern, die es eine Zeit lang offiziell gab, rollen durcheinander. Das schnarrende Geräusch kann jeder seit 1965 samstags im ZDF und seit 1982 mittwochs im ARD live miterleben. Kaum eine andere Fernsehsendung blickt auf eine ähnlich lange Ausstrahlung zurück. Seit 1998 verkündet Lottofee Franziska Reichenbacher die Glückszahlen. „Seit 2013 ist Chris Fleischhauer unser erster Lottoprinz“, sagt Jelena Schramm. Er kommt übrigens aus Stuttgart. Stuttgarts Verhältnis zum Zahlenlotto war anfangs gespalten. In allen Bundesländern - außer in Baden-Württemberg - wurde seit 1955 gespielt. Am 11. Mai 1957 titulierten die Stuttgarter Nachrichten in einer Karikatur: „Nix da, Fräulein Fortuna, bei ons gibt’s koi Glück, da wird g’schafft.“

Schwaben kamen spät dazu

Am 13. April 1958 fand dann aber doch die erste Lotto-Ziehung mit baden-württembergischer Beteiligung statt. Im Museum wirbeln die Kugeln munter durch die Trommel. Wer möchte, darf seine eigenen Glückszahlen ziehen. Die 13-jährige Fea versucht ihr Glück. Ebenfalls per Knopfdruck wird das Mischen gestoppt und die erste Kugel fällt fast wie in Zeitlupe in das Auffangrohr - es ist die 28.

Fünfmal setzt sich die Trommel noch in Bewegung, herausgepurzelt kommen 37, 17, 24, 34 und 43. „Die Chance auf einen Hauptgewinn liegt bei eins zu 14 Millionen“, dämpft Jelena Schramm die Spieleuphorie.

Wahrscheinlichkeit hin oder her - 2008 hat ein israelischer Angestellter gleich zweimal innerhalb eines halben Jahres den Hauptgewinn geholt. Die statistische Wahrscheinlichkeit eines solchen Doppelgewinns liegt bei eins zu vier Milliarden. „Die Zahl drei war übrigens die meistgezogene Zahl im letzten Jahr“, weiß Schramm, die ebenfalls ab und zu ein Kästchen ausfüllt.

Schutz der Lottogewinner

Bei ons gibt’s koi Glück, da wird gschafft.

Stuttgarter Nachrichten, Zitat aus dem Jahr 1957 über die Lottoziehung

Selbst wer noch nie einen der weißen Scheine mit den rot umrandeten Kästchen und roten Zahlen von 1 bis 49 in der Hand hatte, kennt das Prinzip: Es gilt, sich für sechs Zahlen zu entscheiden. Ab drei Richtigen darf man einen kleinen Gewinn bei der Annahmestelle - inzwischen auch per Internet und App - abholen.

Um die frischgebackenen Lottogewinner zu schützen, erscheint ab 1001 Euro Gewinnsumme nur noch der Zentralgewinn bei der entsprechenden Lottostelle und der Gewinner wendet sich direkt an die Zentrale. „Ab 100 000 Euro laden wir die Gewinner dann zu uns ein“, weiß Schramm.

Früher von Hand ausgewertet

Ein Schwarz-Weiß-Film zeigt die manuelle Verarbeitung der Scheine in den 60er Jahre in den Zentralen der Bundesländer: „Heute wertet der Computer aus. Zuvor waren es in Hochzeiten bis zu 1000 Mitarbeiter, Hausfrauen, Kriegswitwen, Studenten und Lebenskünstler.“ Im Film sind vor allem Frauen zu sehen, die mittels Schablonen, bei denen die jeweiligen Gewinnzahlen ausgestanzt waren, Stapel von Lottoscheinen kontrollieren und sortieren - rund 1,5 Millionen Scheine. Überwacht wurden sie von einem männlichen Kollegen, der jegliche Unterhaltungen und Scherze unterband. „Das ist ja richtiger Drill“, kommentiert ein Besucher. Um Auswertungsfehler zu vermeiden, wurde gleich doppelt kontrolliert.

Rund zwei Millionen Spielaufträge sind es heute, die wöchentlich an den Ziehungen in Baden-Württemberg teilnehmen. Durch die Spielgebühren und die Abgabe der Lotteriesteuer bekommt das Land Baden-Württemberg über eine Million Euro an Einnahmen pro Tag, die in Sport, Kunst, Denkmalpflege und sonstige Projekte investiert werden.

Faszination Millionär

Im Museum werden einzelne Projekte vorgestellt wie beispielsweise die Unterstützung der Olympiastützpunkte und der Ankauf von Kunstwerken durch das Kunstmuseum und die Staatsgalerie in Stuttgart. Das Spielen unter 18 Jahren nicht erlaubt. Sie zeigt auf ein Werbeplakat an der Wand, das auch einen Warnhinweis aufgedruckt hat.

Doch ein Jackpot über 23 Millionen Euro, wie kürzlich an einem Samstag, übt seine eigene Faszination aus - und lässt so manchen von den Lottomillionen und einem reichen, sorglosen leben träumen.

© Gmünder Tagespost 01.02.2019 11:06
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