Tour de France zum Hausboot

Frankreich Erst sportlich unterwegs mit dem Rad, dann gemeinsam auf dem Hausboot entspannen: Bei einem Familienurlaub in Südfrankreich kommen Eltern und Kinder auf ihre Kosten.
  • Foto: Annette Frühauf

Es ist 9 Uhr, Tag eins: Der Fahrradanhänger ist gepackt und die Luft angenehm mild – der Blick verliert sich über Hügel und Felder in der Ferne. Die erste Etappe verläuft größtenteils auf kleinen, meist asphaltierten Sträßchen. Der Weg windet sich durch die Landschaft, vorbei an Weinbergen, Landgütern und Friedhöfen. Es sind kaum Autos unterwegs. Nur das Gebell der Wachhunde klingt beim Vorbeiradeln laut und bedrohlich.

Der Anstieg vor Puybegon Village kostet Kraft und die Sonne steht hoch am Himmel. Der Magen knurrt. Man(n) spürt jedes Gramm im Anhänger. Endlich oben, geht es gleich wieder abwärts. Beim Hinabfahren gibt es eine Gratisdusche von den Bewässerungsanlagen der Reben. Bis Albi geht es nun immer am Tarn entlang. Es sind mehr die Hitze und der Wunsch nach einem Bad, die das Treten gegen Ende beschwerlich machen.

Von der Brücke Pont-Vieux in Albi aus sieht man die größte Backsteinkirche der Welt: die Kathedrale Sainte-Cécile. Rötlich schimmert die mächtige Kirche in der Abendsonne. Ihr Inneres beherbergt den vollständig erhaltenen Chor, Fresken aus dem 16. Jahrhundert und ein Wanderfalkenpaar, das über eine Kamera im Sommer beobachtet werden kann.

Der berühmte Sohn von Albi

In Albi wurde 1864 Henri de Toulouse-Lautrec geboren, der mit seiner Plakatkunst weltberühmt geworden ist. Sein Gemälde „Femme qui tir son bas“ zeigt eine Frau bei der Morgentoilette, leicht gebückt steht sie da. Es hat etwas Intimes, wie sie sich den schwarzen Strumpf über ihr nacktes Bein streift.. „Mit nur wenigen Pinselstrichen fängt der Künstler die Bewegung ein“, erläutert die Stimme des Audio-Guide im Bischofspalast Palais de la Berbie, wo das Werk neben 500 weiteren hängt. In der Sammlung Lautrecs schmücken Porträts, Bordellstudien, Plakate und Skizzen die meterhohen Stuckdecken. Überall in der südfranzösischen Stadt finden sich Spuren des berühmtesten Sohns. So hat Serge Hérail von der Patisserie St-Honoré einen Gâteau Lautrec kreiert: Bananen-Karamell auf Mousse au Chocolat.

Die Gässchen der mittelalterlichen Stadt laden zum Flanieren ein. Aus den lauschigen Restaurants riecht es verlockend. Spezialitäten der Region Midi- Pyrénées sind Foie gras und schwarze Trüffel. Das gute Essen hat keine Chance, sich auf den Hüften festzusetzen.

Beim Hinabfahren gibt es eine Gratisdusche von den Bewässerungsanlagen der Reben.

Annette Frühauf Autorin

Die rötlichen Zwiebeln

Schafe tummeln sich entlang der Strecke, Sonnenblumen strecken ihre schwarz-gelben Köpfe den gleißenden Lichtstrahlen entgegen. Das Hinterteil schmerzt nach 30 Kilometern leicht, aber Lautrec naht. Bekannt ist das Örtchen durch seine rötlichen Zwiebeln – für die Sterneköche eigens aus den USA anreisen. In Castres reihen sich am Kai Jacobins die farbenfrohen Fassaden ehemaliger Gerber- und Färberhäuser aneinander. Ein weiterer Kulturhöhepunkt lockt im bischöflichen Palast – das Musée Goya, das den spanischen Malereien und besonders denjenigen des berühmten spanischen Künstlers Francisco de Goya gewidmet ist.

Die dritte Etappe nach Arzens mit rund 900 Höhenmetern ist die bergigste. Am Fuße der Montagne Noire, dem südlichsten Ausläufer des Zentralmassivs, ist es still. Hinter den Bergen wartet der Canal du Midi, der den Atlantik mit dem Mittelmeer verbindet. Mit jeder Kurve nach oben werden auch die Radler ruhiger. Die Puste reicht kaum für Beschwerden. Gut, dass der Himmel bedeckt ist. Nach eineinhalb Stunden ist der Aufstieg geschafft und die Landschaft öffnet sich. Es geht durch eine Heide mit Büschen und Gräsern. Auf den unebenen Pfaden schwankt der Anhänger hin und her. Gegen den Wind geht es am nächsten Tag weiter – sind das die mediterranen Winde vom nahen Mittelmeer? Die Trampelpfade entlang des Canal du Midi sind für den Anhänger eine Herausforderung, der von einer Seite auf die andere schaukelt und es immer wieder knapp am Gebüsch vorbei schafft. Wanderer, Radler und Boote bahnen sich ihren Weg.

Rückfahrt mit dem Hausboot

Der Canal du Midi, einst eine der wichtigsten Handelsrouten, überwindet auf einer Länge von 240 Kilometern 63 Schleusen und 194 Höhenmeter. Vorbei geht es an den Türmen der mittelalterlichen Festung von Carcassonne. Alle sind gespannt auf die Rückfahrt mit dem Hausboot, das in Homps bestiegen wird und bis Castelnaudary gebucht ist. Statt den Lenker umklammern die Hände nun glitschige Leinen, um beim Schleusen Kollisionen zwischen Schiffs- und Mauerwänden zu verhindern. Über Homps, Trebes, Carcassonne und Villesèquelande sind es rund 80 Kilometer bis nach Castelnaudary. Beim gemächlichen Dahingleiten kommt auch der letzte Workaholic zur Ruhe. Die Sonnenstrahlen tanzen auf dem feinen Morgennebel – Tautropfen glitzern wie kleine Perlen im Gras. Wer außerhalb der Ortschaften anlegt, ist weg vom gesellschaftlichen Leben. Die Bäume spenden tagsüber Schatten – rund 42 000 Platanen säumen die Ufer, die vom Aussterben bedroht sind, denn gegen den sogenannten Platanenkrebs hilft nur Abholzen – aber das ist eine andere Geschichte.

© Gmünder Tagespost 08.02.2019 16:25
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