Mit dem scharfen Blick des Künstlers

Tomi Ungerer Der Grafiker, Karikaturist und Schriftsteller hinterlässt einen großen Bilderschatz im gleichnamigen Museum. Das Haus ist auch das Internationale Zentrum für Illustration in Straßburg.
  • Foto: Tomi Ungerer Museum

Ein gewundener Steg führt zum Eingang der Villa im wilhelminischen Viertel (Neustadt). Vielleicht in Anlehnung an das Leben des elsässischen Künstlers, der vor wenigen Wochen im Alter von 87 Jahren in Irland verstorben ist. Tomi Ungerer lebte unter anderem in den USA und in Kanada – bevor es ihn wieder in die Heimat zog.

Zwei Rosen, eine weiße und eine rote, liegen in Zellophanpapier gehüllt auf dem Beet zwischen den Wegen. Die Sonne scheint durch die Fenster ins großzügige Foyer des Stadtpalais von 1884, das ganz in Weiß gehalten ist. Am Eingang liegt ein Gästebuch mit einer bunten Mischung aus Abschiedsbriefen, Würdigungen, Zeichnungen und ganz persönlichen Kommentaren. Immer wieder springen Ausdrücke wie „amazing“, „splendid“ und „großartig“ ins Auge. Abschiedsworte in Deutsch, Französisch und Englisch – Sprachen, die Ungerer beherrschte. Wer von den zahlreichen Museumsbesuchern, die heute durch die drei Ausstellungsebenen schlendern, noch nicht schreiben kann, malt etwas in das Buch daneben – so wie die beiden kleinen Gäste aus dem Nachbarland.

Unterwegs mit dem Rad

Tomi Ungerer, der 1931 als Sohn eines Uhrmachers in Straßburg geboren wurde, erlebte eine von Krieg und Besetzung geprägte Schulzeit. Danach folgten ruhelose Lehr- und Wanderjahre, die ihn quer durch Europa führten – auf dem Rad, zu Fuß und als Matrose auf Schiffen. Mit knapp 25 Jahren bestieg der Elsässer 1956 einen Dampfer nach Amerika – mit 60 Dollar in der Tasche und einem Koffer voller Zeichnungen. Im Erdgeschoss sind die Kinderbuchillustrationen chronologisch angeordnet. An den weißen Wänden des ersten Raumes werden die Zeichnungen von 1957 bis 1974 lebendig. Darunter der Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe. Ungerer blieb mit dem pfiffigen Lehrling, der auf der Zeichnung mit allerhand Apparaturen „kämpft“, den alten Märchen treu - wie auch Illustrationen daneben verdeutlichen. Der Künstler verließ 1971 – mit seiner inzwischen dritten Frau – New York, um auf einer Farm im kanadischen Neuschottland Schafe zu züchten.

Arbeit als Werbezeichner

Nach der intensiven Arbeit an den Illustrationen für die Volksliedersammlung „Das große Liederbuch“ (Diogenes Verlag, 1975), trieb ihn die Sehnsucht nach Europa. Zurück in Straßburg arbeitet der Schriftsteller auch als Werbezeichner für den französischen Lebensmittelproduzenten Bonduelle. Seine Entwürfe für die Werbekampagnen sind im nächsten Raum zu sehen, wo es neben den Abbildungen von Dosen heißt: „Zartgemüse aus der Dose ist famos.“ Daneben beschäftigte sich Ungerer auch mit der elsässischen Küche für Plakate und Kochbücher. Im Saal dahinter dominieren die Skizzen und Zeichnungen aus dem Kinderliederbuch, das insgesamt 150 Zeichnungen von Ungerer enthält. Auf Knopfdruck erklingt eines von 36 Liedern. Auch Zeichnungen von Otto, dem Plüschbären, hängen in Augenhöhe der Kinder. Das Kinderbuch erzählt die Geschichte dreier Freunde, die durch den Zweiten Weltkrieg auseinandergerissen werden.

Ab 1976 pendelte Tomi Ungerer mit seiner dritten Frau und seinen vier Kindern zwischen dem Elsass und seiner Farm in Irland bei Cork hin und her. 1993 bekam er für sein Engagement für die deutsch-französische Freundschaft das Bundesverdienstkreuz.

Das Museum ist jetzt der Ort geworden, an dem die Leute Kontakt zum Werk von Tomi Ungerer haben.

Thérèse Willer Kuratorin

Der Amerika-Schock

Durch ein helles Treppenhaus, vorbei an einem gelben Propellerflugzeug aus der Spielzeugsammlung des Künstlers, geht es in das Obergeschoss – hinein in die Welt des Satirikers und Gesellschaftskritikers. Der 14-jährige Aufenthalt in den USA, wo Ungerer mit Rassentrennung, Vietnamkrieg und Konsumwahn konfrontiert wurde, prägen die ausgestellten Werke. Auf einer Wandtafel steht geschrieben: „Von Anfang an ist Ungerer zutiefst schockiert über die in den USA praktizierte Rassentrennung.“ Die gezeigten Porträts und Zeichnungen, meist mit Ölkreide gemalt, kommen einer soziologischen Studie des Landes gleich. Die dargestellten Personen repräsentieren die amerikanischen Gesellschaftsschichten – oft erkennbar an den Accessoires. Auf dem Bild „Southern Comfort“ von 1960 ist ein farbiger Kellner in Hemd und Fliege gezeichnet mit einem Tablett in den Händen. Darauf stehen Gläser mit Eiswürfeln und Strohhalmen. Mit „The Party“ liefert Tomi Ungerer als scharfer Beobachter der New Yorker High Society eine bissige Kritik dieser Gesellschaftsschicht. Die Cartoons sind größer und fast ausschließlich mit China-Tusche gezeichnet. Auch setzt der Künstler ein satirisches Verfahren ein und verleiht den Figuren teils tierisches Aussehen.

Ein Museum zu Lebzeiten

Mehr als 150 Bücher und etwa 40 000 Zeichnungen sowie über 300 Plakate, Dutzende Ölbilder, Lithografien und Skulpturen hinterlässt der Künstler, der zu den wenigen in Frankreich gehört, die bereits zu Lebzeiten ein eigenes Museum erhalten haben. „Das Museum ist jetzt der Ort geworden, an dem die Leute Kontakt zum Werk von Tomi Ungerer haben. Die Besucher sind sehr froh, ins Museum kommen zu können“, sagt Kuratorin Thérèse Willer.

Dass sein Geist in seinen Werken weiterlebt, ist hier spürbar –auch in den zahlreichen Kommentaren, die seit seinem Tod am 9. Februar hinterlassen worden sind. Wer Tomi Ungerers erotische Zeichnungen sucht, sollte einen Blick ins Untergeschoss werfen.

© Gmünder Tagespost 08.03.2019 14:29
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