Expeditionen in die unbekannte Nähe – im Reich der „Stückle“

Wandern Im Landkreis Tübingen gibt es mehrere Premiumwege zu entdecken.
  • Eine reizvolle Kulturlandschaft Foto: Albers

Gibt es die legendären weißen Flecken auf der Erde noch? Es mag seltsam anmuten, mit dieser Frage auf den Landkreis Tübingen zu lenken. Definitiv keine unerforschte Wildnis, sondern ein intensiv genutztes Gebiet. Und doch sind manche Streifen für viele eine terra incognita. Es ist das Reich der Stückle, der Obstbaumwiesen, Felder, Wäldchen, der grasbewachsenen Pfade und schmalen Wege, die sich vielfach verzweigen oder sich windungsreich durch das Gelände schlängeln. Die Locals – wie man im Outdoor-Jargon die Einheimischen nennt – kennen sich natürlich aus.

Der Wanderer aber, der hier bisher so gut wie keine Wegweiser gesehen hat, muss schon ziemlich versiert mit der Karte sein, um die Orientierung nicht zu verlieren. Dabei ist dieses Fast-Niemandsland alles andere als eine langweilige Zwischenstation zu den bekannteren Zielen, sondern eine Kulturlandschaft, die für viele das Optimum an Natur darstellt: abwechslungsreich hinter jeder Wegecke, ein Rausch an Farben, mit Durch- und Fernblicken, auf Pfaden, die das sprichwörtliche g’mähte Wiesle sind – und nicht allzu sehr fordern.

Mit anderen Worten: eine Steilvorlage für alle Premiumweg-Planer, die ja genau das suchen – und im Landkreis Tübingen fündig geworden sind. In Kooperation von Kreis und Kommunen sind in Mössingen und Ammerbuch unter der Dachmarke Früchteparadies vier Premiumwege ausgeschildert worden. Die Mössinger Runden starten in ein Gebiet mit rund 40 000 Obstbäumen, mit einem Boden, der hier, an den Ausläufern des Farrenberges, zu karg war, um als Acker genutzt zu werden. Aber als Obstwiese war er doppelt ertragreich: Auf den Wiesen rupfte das Vieh, vom Baum bediente sich der Mensch.

Die beiden Wegle

Deshalb heißen sie Streuobstwegle und Leisawegle. Das Wegle im Namen ist Programm: Die beide Runden sind kurz und eher gemütlich. Aber sie lassen sich auch koppeln und mit den bestehenden Premiumwegen Dreifürstensteig und Firstwaldrunde verbinden. Weil die Mössinger schon Erfahrung im Wegekonzipieren haben, haben sie die Verhandlungen mit Naturschutz und Eigentümern nicht gescheut und auch neue Wegpassagen geschaffen. Eine führt über eine bisher abgesperrte Weide mit Limousin-Mutterkühen, die dort mit ihren Kälbern grasen.

Bevor man den Elektrozaun passiert, gibt eine Tafel Unterricht im richtigen Umgang mit diesen Tieren. Die klare Ansage: „Eine Viehweide ist kein Streichelzoo.“ Und wenn jetzt die Kühe mit Kopfsenken, Schnauben, Brüllen eine eher ungute Kommunikation einleiten? Auf jeden Fall nicht den Rücken zuwenden, sondern im Notfall dem Tier einen gezielten Faustschlag auf die Nase geben.

Premium geht auch ohne Berge, rauschende Wasserfälle, trutzige Burgen. Es geht auch mit der schwäbisch-schaffigen Gütleskultur. Infos unter: https://www.moessingen.de/fruechtetrauf.Wolfgang Albers

© Gmünder Tagespost 22.03.2019 15:43
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