Salzburg

Hybris? Nein, danke!

  • Osterfestspiele Salzburg: "Die Meistersinger von Nürnberg" Foto: Monika Rittershaus
Es die die einzige Komödie Richard Wagners, und es wird sogar gewalzert: In dieser lustspielhaften Atmosphäre wollte sich das Regieteam bewegen. Und mal ehrlich, beim österlichen Hochglanzfestival in Salzburg erwartet niemand, dass hier Wagners „Meistersinger“-Oper als verstörender Schocker hingefetzt wird.

Doch gleichzeitig kommt auch Top-Regisseur Jens-Daniel Herzog nicht drumrum, die ganze Kette bitterer Ausgrenzungen und Demütigungen zu erzählen, die hier von der Nürnberger Sängerzunft ausgeht: Beckmesser wird übel verprügelt, Eva wird wie eine Preiskuh als Hauptgewinn an den besten Performer versteigert. Die Meister sind bei Herzog zu eitlen Vereinsmeiern erstarrt, die sich selbst in Großporträts verherrlichen und sich bei ihrer Selbstfeier mit Trachtenschau, Blumenschmuck und Eichenlaub auch noch filmisch dokumentieren.

Theater im Theater – auch dies eine oft strapazierte Idee, die hier eher dekorativ wirkt. Am Ende, nach einer mehrheitstauglich soliden, aber oft blassen Regie, die alles Politische – etwa die oft thematisierte Vergangenheit der „Meistersinger“ als Nazi-Aufmarschoper – lieber vermeidet, bekennt Herzog dann doch ein bisschen Farbe. Er zeigt, wie der vorher so liberale Sachs sich mit seiner alles andere abwertenden Überhöhung „deutscher Kunst“ in einen gefährlichen Rausch singt. Kein Wunder, dass Stolzing keinen Bock mehr hat auf diese „Meister“ und mit Eva, die Sachsens Selbstporträt in einer Art „Nein, danke“-Geste zerstört, in die Freiheit entfleucht.

Klaus Florian Vogts Tenor klingt wie immer engelsgleich mit mühelos fließenden Höhen, wobei sein Stolzing als Rebell in Zimmermanns-Kluft auch schon mal Lehrbücher auf den Boden knallen und Tische umwerfen darf. Bemerkenswert: Jacquelyn Wagner als eigenwillige Eva mit schwerelos beseeltem Sopran. Georg Zeppenfeld absolviert seinen Sachs stimmlich tadellos, auch wenn er schauspielerisch etwas brav und gestisch konventionell agiert.

Christian Thielemann steuerte in der Premiere am Samstagabend ausgesprochen flott durch die Partitur und zeigte in bester Detailpräzision, wie die Musik kichern, tuscheln, meckern und geifern kann. Er ließ die „Zauberharfe“, so Wagner über die Dresdner Staatskapelle, in allen Farbnuancen grandios glitzern und funkeln, drehte aber auch an den Schlüsselstellen gerne voll auf – und entfaltete dann Wagners giftig betörende Süße in breiter, glanzvoller Slow-Motion-Pracht.

Derweil wuchern die Spekulationen, wie es mit dem Edel-Festival in Salzburg weitergeht. Musikchef Thielemann ließ bereits durchblicken, dass er mit Nikolaus Bachler, dem für 2022 designierten Nachfolger von Intendant Peter Ruzicka, nicht zusammenarbeiten will. Zwei Konzepte, aber auch zwei Egos prallen da aufeinander: Da Bachler schon 2020 die Geschäftsführung übernimmt, zeichnet sich ein Machtkampf ab. Ob Bachler seinen Lieblings-Dirigenten Kirill Petrenko nach Salzburg holt? Der aber soll 2020 beim Konkurrenz-Festival in Baden-Baden antreten. Otto Paul Burkhardt
© Südwest Presse 15.04.2019 07:46
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