Baden-Baden

Der gefallene Elefant

  • Stuart Skelton (Otello) und Sonya Yoncheva (Desdemona) singen in Robert Wilsons statuarischer „Otello“-Inszenierung in Baden-Baden. Auf der rechten Seite: Georg Zeppenfeld (Hans Sachs) und Jacquelyn Wagner (Eva) in Jens-Daniel Herzogs Salzburger Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Foto: Lucie Jansch
Sie feiern ihn als den „Löwen von Venedig“. Er hat die türkische Flotte vernichtet und einen furchtbaren Orkan auf dem Meer überlebt. Er strotzt vor Kraft, er ist aus einfachen Verhältnissen bis zum Gouverneur von Zypern aufgestiegen, er besitzt die begehrenswerteste Frau, Desdemona. Und doch ist Otello höchst verwundbar: weil er als „Mohr“ ein Außenseiter ist in dieser Gesellschaft, weil er das weiß und spürt. Er ist ein leichtes Opfer des teuflischen Jago. Giuseppe Verdis grandioses Spätwerk beginnt mit der musikalisch brutal entfesselten Naturgewalt, und wenn Otello siegreich an Land kommt und sein „Esultate!“ dem freudigen Volk entgegenschleudert, beginnt schon sein Untergang.

Im Festspielhaus Baden-Baden fällt der Held bereits vor dem ersten Ton. Das heißt, es ist nicht Otello und auch kein Löwe, sondern ein Elefant, der sich niederlegt unter unheilvollem Sturmgeräusch. Eine naturalistische Schwarzweiß-Safari blendet Robert Wilson filmisch als Vorspiel ein. Ein Lebenszeichen gewissermaßen vor der ästhetischen Abstraktion. Denn ansonsten zeigt der Amerikaner sein bekannt-berühmtes Wilson-Theater: streng formalisierte Gesten und Bewegungen, die Figuren aufgestellt und dekoriert wie im Schattenspiel.

Das sind wunderbare Bilder, wenn der Regisseur farbfeldmalerisch expressiv den Bühnenhorizont ausleuchtet im Stile Mark Rothkos. Dann wiederum setzt er seine Zeichen: Sonne, Blitze, Arkadenbögen, Kugel, Zacken-Treppe. Wenn der von seiner Eifersucht getriebene Otello von seinem zerfallenden Traum der Liebe singt, fährt das symbolische Repertoire in Einzelteilen vom Himmel. Wenn er beklagt, dass das Lächeln seiner Desdemona erloschen ist, wechselt die Lichtstimmung ins Fahle. Das ist Kunst, aber nicht wirklich Musikdrama. Kann aber wirken: als Spielfeld für die ganz große Oper.

In Baden-Baden tat es das in der Premiere zunächst nicht: weil der Tenor Stuart Skelton in der, um im Wilson-Bild zu bleiben, wahrhaft elefantösen Partie des Otello einbrach. Ihm fehlte die strahlende Höhe, die Durchschlagskraft. Der Abstieg des Helden: hörbar. Aber so ist es nicht gemeint. Am Dirigentenpult stand mit dem 82-jährigen Zubin Mehta ein Star, der freilich gebrechlich wirkte. Er hatte mit den Berliner Philharmonikern zwar mit das beste Orchester der Welt vor sich, ein Klangkraftzentrum, das alles kann und in eher langsamen Tempi (fast) souverän diesen „Otello“ zelebrierte, aber doch unterfordert war. Das wirkte nicht wirklich interpretatorisch ausgearbeitet.

In der Pause muss es dann, wie im Fußball, vielleicht eine Ansprache gegeben haben. Die Aufführung war zwingender, energievoller, perfekter. Skelton zeigte jetzt die Seelennot des Otello und keine technischen Probleme. Vladimir Stoyanov gab einen ordentlich fiesen Jago. Glänzend die Sopranistin Sonya Yoncheva als Desdemona: eine große dramatische Stimme, flutend und auch eine zarte, glutvolle Innigkeit. Hervorragend der Philharmonia Chor Wien. Und die „Berliner“ und Altmeister Zubin Mehta erhielten dann am Ende sowieso Ovationen. Jürgen Kanold
© Südwest Presse 15.04.2019 07:46
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