Ist der Ruf erst ramponiert

Kurz vor den Wahlen in Europa und Indien glaubt kaum mehr jemand, dass das soziale Netzwerk Datenschutz und Desinformation in den Griff bekommt. In den USA ist von der Zerschlagung großer Tech-Konzerne die Rede.
  • Mark Zuckerberg fordert strengere Datenschutzregeln während sein Konzern eine Affäre nach der anderen produziert. Foto: Josh Edelson/afp Foto: Josh Edelson / AFP
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Firmen speicherten ungeschützt Daten von Facebook-Nutzern.“ „US-Regierung wirft Facebook Diskriminierung bei Wohnungsanzeigen vor.“ „Facebook speicherte 600 Millionen Nutzer-Passwörter im Klartext.“ „Facebook droht Milliarden-Datenschutzstrafe in den USA.“ „Facebook zahlte Teenagern Geld für Zugriff auf gesamten Datenverkehr.“

Um Facebooks Ruf ist es nicht gut bestellt. Was sich anhört wie gesammelte Negativmeldungen der vergangenen Jahre, sind nur Schlagzeilen seit Beginn des Jahres – nachdem die Geschäftsführerin des größten sozialen Netzwerks der Welt, Sheryl Sandberg, im Januar versicherte, Facebook habe sich verändert. „Wir sind nicht dasselbe Unternehmen wie 2016 oder auch noch vor einem Jahr.“ 2018 wurde bekannt, dass die Firma „Cambridge Analytica“ durch ein massives Datenleck bei Facebook die US-Präsidentschaftswahl 2016 mit gezielt gestreuten Falschinformationen massiv beeinflussen konnte.Rund sechs Wochen vor der Europawahl ist die Sorge vor Manipulationen in der EU erneut groß. Schafft Facebook, das regelmäßig an den Grundlagen der Datensicherheit scheitert, eine der größten Herausforderungen der Welt zu bewältigen: den Kampf gegen Fake News? Glaubt man Facebook-Chef Mark Zuckerberg, tut das Netzwerk einiges, um der grassierenden Desinformation auf seiner Plattform Herr zu werden. So hat Facebook ein „virtuelles Lagezentrum“ eingerichtet, in dem Facebook-Mitarbeiter an verschiedenen Standorten zusammengeschaltet wurden. Sie sollen mit unabhängigen Faktencheck-Partnern wie dem Recherchezentrum „Correctiv“ und der Deutschen Presse-Agentur zusammenarbeiten.

„Digitale Gangster“

Bevor die Europäer wählen, sind zunächst jedoch in Indien seit Donnerstag fast eine Milliarde Wähler aufgerufen, bis Mitte Mai ihre Stimmen für ein neues Parlament abzugeben. Maßgeblich beeinflusst wird der Ausgang der Wahlen auch dort davon, welche Informationen Facebook-Nutzer in ihrem Nachrichtenfeed sehen. Und erneut wird Facebook als Marktplatz für Desinformation genutzt. Mehr als 1000 gefälschte Seiten, Gruppen und Konten mit Millionen Abonnenten musste Facebook in Indien bereits von der Plattform entfernen – darunter zahlreiche Fake News und manipulierte Videos.

Desinformation ist jedoch nur ein Teil aus Facebooks Vorstrafenregister, das in der Konzernwelt seinesgleichen sucht. Würde man die Vergehen der Plattform in den vergangenen 15 Jahren ihres Bestehens in Sachen Datenschutz, Hassrede, verdeckter politischer Werbung, Datensicherheit, Bedrohung der Meinungsvielfalt und -freiheit, Diskriminierung, Marktmacht und Verstöße gegen den Jugendschutz aufzählen, ließen sich wohl alle Seiten dieser Zeitung füllen. Unternehmen wie Facebook dürften sich nicht wie „digitale Gangster“ verhalten, forderten die Abgeordneten des britischen Parlaments mit deutlichen Worten angesichts der ganzen Verstöße.

Reumütig forderte Zuckerberg kürzlich eine globale Regulierung („Wir haben zu viel Macht.“). Nur: Sein Image ist aber derart ramponiert, dass ihm eine Wandlung vom Saulus zum Paulus kaum jemand abnimmt. „Mark Zuckerberg spricht seit einem Jahr viel über die Verantwortung von Facebook für Gesellschaft, Demokratie und die Privatsphäre von mehr als zwei Milliarden Menschen. Doch zu spüren ist davon wenig“, sagte Justizministerin Katarina Barley (SPD).

Die Ungeduld vieler Politiker wächst – die Luft für Facebook wird dünner. Zuletzt hat das Bundeskartellamt den Kampf mit der Plattform aufgenommen. Auch internationale Organisationen haben Facebook im Visier. Der Internationale Währungsfonds warnt, dass die Macht weniger Tech-Konzerne wie Facebook und Google zusammenhängen könnte mit wachsender Ungleichheit und geringem Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten. Über den Wettbewerb sei den Riesen dabei nur noch schwer beizukommen, denn die Tech-Konzerne könnten ernsthafte Konkurrenten einfach aufkaufen.

Gut für den Wettbewerb

In welche Richtung die Entwicklung gehen könnte, zeigen immer mehr Ökonomen. So fühlen sich die Wirtschaftsanalysten von „Bernstein Research“ an das Ende des 19. Jahrhunderts erinnert. Damals dominierten Firmen wie Rockefellers Standard Oil die US-Wirtschaft, von „Räuberbaronen“ war die Rede. Letztendlich wurden die Unternehmen zerschlagen – was gut für den Wettbewerb und den Wohlstand in den USA war. Die demokratische US-Senatorin und Präsidentschaftskandidaten Elizabeth Warren startete kürzlich die Kampagne „Big-Tech zerschlagen“. Zuckerberg dürfte mit diesem Vorgang eigentlich vertraut sein. Er startete mit dem Motto „Handle schnell und zerstöre Dinge“ in seine Karriere.
© Südwest Presse 15.04.2019 07:46
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