Interview

„Kette von Verstößen“

  • Johannes Caspar: Man kann auch ohne Facebook leben. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Als Hamburger Datenschutzbeauftragter versucht Johannes Caspar seit Jahren, die Daten der Deutschen vor Facebook zu schützen. Der Professor für Staats- und Verwaltungsrecht wundert sich, dass staatliche Einrichtungen noch immer im sozialen Netzwerk aktiv sind.

Wie beschäftigt Sie Facebook momentan?

Johannes Caspar: Derzeit untersuchen wir die Aktivitäten von Facebook bei der Erstellung einer Überwachungsliste von Personen, die der Konzern als Gefährder bewertet.

Unter anderem befinden sich auf der Liste Namen von ehemaligen Mitarbeitern. Der Konzern soll über die Facebook-App auf den Smartphones dieser Menschen den aktuellen Aufenthaltsort feststellen können und die Betreffenden sogar über die IP-Adresse verfolgen. Was sagt Facebook dazu?

Die Antworten des Tochter-Unternehmens in Hamburg haben hier leider noch keine hinreichende Klärung gebracht. Offenbar liegen die Antworten in der Konzernzentrale in Menlo Park. Ich habe die Hoffnung, dass Facebook-Vorstandschef Mark Zuckerberg direkt für Aufklärung sorgen kann.

Wie beurteilen Sie seinen Ruf nach mehr Regulierung?

Ich freue mich über jeden konstruktiven Beitrag zum Datenschutz, gerade wenn er von Herrn Zuckerberg kommt. Allerdings bin ich auch Realist. Es ist zu befürchten, dass es sich um Beschwichtigungsrhetorik handelt, um das angeschlagene Image und das verlorene Vertrauen wieder etwas aufzupolieren. Dem Ruf nach mehr Regulierung steht entgegen, dass derzeit auf EU-Ebene mehr als sechs Dutzend Untersuchungen gegenüber Facebook anhängig sind.

Trotzdem will kaum jemand auf seine Präsenz dort verzichten. Wieso?

Angesichts der Diskussionen, die wir im Anschluss an den Cambridge-Analytica-Skandal hatten und angesichts einer unvergleichlichen Kette von Meldungen über Datenschutzverstöße, denen noch nachzugehen sein wird, ist es verwunderlich, dass seriöse Einrichtungen in Politik, Staat und Gesellschaft immer noch an ihrer Facebook-Präsenz festhalten. Hierin liegt eine Inkonsequenz, die auf zwei Faktoren zurückzuführen ist: die Alternativlosigkeit von Facebook im Bereich der sozialen Netzwerke und das Bedürfnis nach Reichweite. Das Beispiel der EU-Justizkommissarin Vera Jourova aber zeigt, dass man auch ohne Facebook leben kann. Gerade auch in einer herausgehobenen politischen Funktion. Igor Steinle
© Südwest Presse 15.04.2019 07:46
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