Auf den Spuren starker Frauen

Ostern Jetzt beginnt die Hauptpilgersaison. Viele Menschen pilgern nicht mehr aus religiösen Gründen, sondern haben ganz andere Motive.
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Pilgerwege zählen schon längst nicht mehr zu den Geheimtipps unter den Wanderrouten. Doch in Thüringen gilt es einen noch relativ unbekannten Pilgerweg zu entdecken: „Auf den Spuren starker Frauen“. Doch wer sind eigentlich die starken Frauen, die dem Pilgerweg seinen Namen geben?

Die heilige Elisabeth, geboren in Ungarn, war Landgräfin in Thüringen. Die heilige Walburga, geboren in Devonshire in England, kam als Missionarin nach Deutschland. Die selige Paulina aus Sachsen gründete in Thüringen das Kloster Paulinzella. Sie befanden sich also alle mehr oder weniger „in der Fremde“. Und genau das bedeutet „pilgern“ wörtlich: „In der Fremde sein.“

Pilgerstempel im Dom

Ausgangspunkt und Endpunkt der Reise ist der Mariendom in Erfurt. Hier können Pilger bei der Dominformation einen Reisesegen erhalten. Dort gibt es auch den ersten Pilgerstempel. Der freundliche Mitarbeiter der Dominformation ist überrascht, dass tatsächlich eine Pilgerin nach dem Segen fragt. Das käme sehr selten vor, vielleicht fünfmal im Jahr. Statt, wie erwartet, einen einfachen Zettel mit einem Text zu bekommen, bereitet sich seine Kollegin auf ein feierliches Segensritual vor.

Ein Segen für 54 Kilometer

Gemeinsam geht es in den Dom an den Altar. Zur Einstimmung auf den Pilgerweg erklärt die Dommitarbeiterin, dass der Erfurter Dom wie die meisten Kirchen nach Osten ausgerichtet ist: der aufgehenden Sonne zu. Passend dazu entzündet sie eine Kerze und gibt den Segen für den 54 Kilometer langen Weg.

Vor der Kirche zeigt die Mitarbeiterin rechts vom Domportal den heiligen Jakobus, nach dem der Jakobsweg benannt ist. Man erkennt den Apostel an der Jakobsmuschel. Sie ziert das Buch, das er in Händen hält. Die Sonnenstrahlen tauchen die Muschel in ein warmes Licht.

In der strahlenden Morgensonne beginnt die Pilgerwanderung. Der erste Schritt fühlt sich bedeutsam an. Mehr als 5 000 Schritte, fünf Kilometer sind es bis nach Hochheim. Hier erwartet Pilgernde die Kirche Sankt Bonifatius. Leider ist sie verschlossen. Zum Pilgerglück stehen auf der Wiese vor der Kirche mehrere schöne Holzbänke. Der Schatten zweier uralter Linden lädt zur Rast ein. Der katholische Pfarrer Gert Schellhorn wohnt im angrenzenden Kirchhaus.

Kaffee mit Herrn Pfarrer

Gott segne die Erde, auf der ich jetzt stehe.

Segenswunsch aus Irland

Er freut sich, eine Pilgerin zu sehen, und lädt zum Kaffee ein. Dann schließt er die Kirche auf. Wie der Pfarrer erklärt, handelt es sich bei der schönen Statue am Eingang um Marias Mutter Anna mit ihrer Tochter und dem Enkelkind Jesus.

Eine starke Frau, die am Pilgerweg in Görbitzhausen/Wipfratal wohnt und arbeitet, ist die Töpferin Annett Hopfe. Annett erzählt, dass sie mit ihrem Mann gerade ein Pilgerhaus baut, das im April 2020 fertig wird.Sie bietet Töpferkurse an, bei denen man mit ihr beim Tandemtöpfern selbst einen Becher oder eine Schale anfertigt. Das ist das perfekte Souvenir für Pilger mit viel Gepäck im Rucksack: Annett wird den Becher, wenn er gebrannt ist, per Post zuschicken.

Einen roten Becher töpfern

Wer möchte, kann hier ein Stündchen verweilen und selbst an der Töpferscheibe sitzen. Für 15 Euro, mit Ton, Farbe und Brennen, hilft Annett beim Herstellen eines eigenen Stücks: „Ich will, dass jeder sich das leisten kann. Jeder, der möchte, soll so einen fröhlichen roten Becher bei sich zu Hause haben können. Das ist mein Herzenswunsch“, sagt sie.

Weiter geht es zur kleinen Jakobuskirche in Branchewinda. Ein älteres Ehepaar kommt gerade von der Apfelernte. Die beiden geben Auskunft, wo sich das Kirchlein befindet. „Brauchen Sie den Schlüssel?“, fragt der Mann. Er hat einen vollen Obstkorb auf dem Rücken und holt den Kirchenschlüssel.

Die Sonne fällt auf den Altar

Auch die Jakobuskirche ist wie der Dom in Erfurt Richtung Osten ausgerichtet. Sie verfügt über ein winziges, rundes Jakobusfenster, das wie ein Bullauge auf die Morgensonne wartet. In dem Kirchlein wird jedes Jahr am Jakobustag um 7 Uhr morgens ein Gottesdienst gefeiert. Dann fällt das Licht der Sonnenellipse durch das kleine Fensterchen direkt auf die Altarscheibe.

Das Doppelkloster Paulinzella ist die Endstation des Pilgerwegs. Von dort aus geht es wieder nach Erfurt. Die Reise endet, wo sie begonnen hat: im Mariendom. Und wieder ist es ein Segen, der den Pilgerweg abrundet. Ein Wunsch aus Irland passt gut zum Pilgerweg: „Gott, segne die Erde, auf der ich jetzt stehe.“

© Gmünder Tagespost 18.04.2019 15:31
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