Dreckige Gaudi für die Großen

Outdoor Fitness-Bootcamps wie „X-nature“ in Leonberg werden immer beliebter – das Training unter freiem Himmel ist hart, macht aber Spaß.
  • Foto: Annette Frühauf

Schön sitzen bleiben. Ich will keinen im Stehen sehen“, ruft Markus Ploppa. „Und ein Bein immer nach vorne ausstrecken, dann kann nichts passieren.“ In voller Fahrt rutschen die Teilnehmer des Fitness-Bootcamps auf dem Hosenboden den Hügel hinunter – der Glems entgegen. Vorbei geht es an Bäumen, herunterhängenden Ästen und Sträuchern.

Markus Ploppa ist Landschaftsarchitekt und Crosstriathlet. Vor drei Jahren hat er auf dem Firmengelände des Gartencenters im Mahdental, das er mit seiner Frau betreibt, einen Hindernisparcours aufgebaut und „X-nature“ gegründet. Der Sportler, der auch schon bei den Crosstriathlon-Weltmeisterschaften auf Hawaii mit dabei war, bietet neben einem öffentlichen Training Teambuilding und Fitness-Bootcamps für Einsteiger, Hobbysportler und Profis an.

„Unser Motto ist, gemeinsam ins Ziel zu kommen“, sagt Michel Staiger, der sich beim heutigen Training mit ein paar Freunden auf den 24-Stunden-Hindernislauf in Uhingen vorbereitet. Inzwischen sind alle aus der bunt zusammengewürfelten Gruppe – bestehend aus den Crossthriathleten, ein paar Teenagern und Hobbysportlern – unten angekommen. Die neonfarbene Hose von Staiger leuchtet nicht mehr ganz so grell wie zu Beginn. Dafür kann man nun beim Joggen die braunen Spuren auf der Funktionskleidung des Vordermanns betrachten.

Schuhe immer gut binden

„Mir gefällt das Erdige“, stellt Michel Staiger fest. Im wahren Sinne des Wortes „erdet“ der Spaß, denn der hautnahe Kontakt mit Matsch und Dreck bleibt heute nicht aus. Im Laufschritt geht es durchs Wasser. Eine neue Erfahrung – und wer seine Schuhe nicht fest genug gebunden hat, merkt das spätestens jetzt. Als Nächstes balancieren die Outdoor-Sportler über ein paar umgekippte Baumstämme – notfalls auch auf allen vieren. Noch einmal geht es den Berg hinauf. Wenn die Füße auf dem Laub wegrutschen, helfen wieder die eigenen Hände, die um Hilfe suchend nach allem greifen, was ihnen in die Finger kommt.

Dieses Mal hangeln sich alle am Seil nach unten: „Arme durchstrecken und auf Körperspannung achten“, erklärt Markus Ploppa. Die Körperspannung soll auch beim Laufen verhindern, dass man sich bei Unebenheiten einen Knöchel verknackst. „Man läuft selten querfeldein, aber dabei lernt man bekanntes Terrain mit ganz anderen Augen kennen“, sagt Michel Staiger während er über die Wiese joggt. „Man ist nah dran an der Natur.“

Alles ist freiwillig und soll Spaß machen.

Markus Ploppa Crosstriathlet

Eigentlich kommt die Bezeichnung „boot“ von den schweren Stiefeln, die beispielsweise beim Militär getragen werden. Der Ton bei der Ausbildung der Rekruten ist rau und das Training hart. Anders als bei den Fitness-Bootcamps, die gerade voll im Trend liegen. Bei dem Ganzkörpertraining unter freiem Himmel stehen Hilfsmittel aus der Natur im Vordergrund und der Spaß, sich draußen zu bewegen. Befehle und Drill gibt es nicht, Matsch und Schlamm dagegen schon.

Durch Schlamm und Wasser

Der zweite Teil der rund eineinhalbstündigen Trainingseinheit findet an den 14 Hindernissen statt. „Rein ins Wasser“, fordert Markus Ploppa vor dem Matschloch auf. Überrascht stoppen die ersten ab. „Alles ist freiwillig und soll Spaß machen. Keiner wird zu etwas gezwungen“, macht Ploppa klar. Die drei Mädchen fassen sich an den Händen und springen beherzt – gemeinsam tauchen sie ab. Die Turnschuhe saugen sich im schlammigen Untergrund fest und das kalte Wasser dringt bis in Bauchnabelhöhe durch die Kleiderschichten. Es ist gar nicht so einfach, wieder aus dem Schlamm zu kommen. Hilfreiche Hände ziehen kräftig mit und einer nach dem anderen krabbelt aus der Grube heraus. Alle haben den Sprung ins Ungewisse gewagt.

Die letzten Hemmungen fallen und die Wassergräben unter den Hindernissen scheinen lange nicht mehr so bedrohlich zu sein. „Jetzt bin ich schon nass“, ist der allgemeine Tenor. „Man lernt seine Grenzen kennen“, weiß Michel Staiger. Vieles laufe im Alltag kopfgesteuert. „Hier muss ich mich manchmal schnell entscheiden.“ Die Bauchentscheidungen seien aber meist richtig. Einer nach dem anderen klettert über schwingende Reifen, Holzwände hinauf und durch Röhren hindurch, hinter denen oft die nächste feuchte Überraschung wartet. Wen die Kräfte beim Entlanghangeln an der Leiter verlassen, der fällt ins grünlich schimmernde Nass, klettert wieder heraus und macht einfach weiter. Zum krönenden Abschluss klettern alle die acht Meter lange Rutsche hinauf – hinab geht es direkt ins nächste Schlamassel.

© Gmünder Tagespost 03.05.2019 15:14
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.