Lesermeinung

„Go Ahead – vergiss es!“

Über den Regionalverkehr und eine Fahrt mit Go Ahead:

Meine Frau und ich begleiten unsere Tochter mit zwei kleinen Kindern (ein und drei Jahre alt) auf ihrer Rückreise per Bahn nach Hamburg bis Stuttgart. Abfahrt des ICE dort 13.26 Uhr. Um ganz sicher zu gehen, planen wir einen Zeitpuffer ein und sind schon um 11.48 Uhr auf dem Bahnsteig in Böbingen, um dann zu erfahren: „Dieser Zug fällt heute aus!“ Also tragen wir den Kinderwagen mit der Einjährigen bei sengender Sonne treppab, treppauf (die Schienen neben der Treppe sind für Kinderwagen maßlich nicht passend) und fahren mit dem Auto nach Schwäbisch Gmünd, um dort den IRE nach Stuttgart zu erreichen, der 12.16 Uhr dort abfährt. Nebenbei bemerkt, ist das Parkhaus in der Nähe des Bahnhofs gut belegt und wir bekommen auf der obersten, der vierten Etage noch einen Parkplatz, stellen dann aber fest, dass wir mit dem Kinderwagen den Aufzug nicht nutzen können, weil er gewartet wird. Auf dem Bahnsteig 2 in Schwäbisch Gmünd ist der IRE per elektronischer Anzeige avisiert. Auch die App bestätigt, dass wir am richtigen Bahnsteig warten. An diesem Bahnsteig warten außer uns noch circa 120 Personen auf den besagten Zug. Auf Gleis 4 gegenüber steht schon eine ganze Weile ein Zug, an dem auch ein Zugbegleiter auf und ab geht. Dann setzt sich genau um 12.16 Uhr dieser Zug vollkommen leer in Richtung Stuttgart in Bewegung. Es wäre unser IRE gewesen. Über hundert Fahrgästen bleibt vor Staunen und Ärger die Luft weg. Man hört Kommentare wie: „Bei der DB war es schon schlimm, bei Go Ahead ist es eine Katastrophe!“ Oder: „Ein Schildbürgerstreich!“ Um 12.26 Uhr kommt dann der nächste RE nach Stuttgart – unsere letzte Chance, den ICE nach Hamburg zu erreichen, in dem unsere Tochter eine Reservierung hat – die ist zuggebunden. Man mag sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, bis Hamburg mit zwei kleinen Kindern ohne Reservierung reisen zu müssen. Es läuft dann einigermaßen nach Plan, bis der RE kurz vor dem Hauptbahnhof vor einem Rotsignal zum Stehen kommt. Die Zeit läuft runter. Wir gehen im Zug bis ans Kopfende, um im Hauptbahnhof eine günstige Ausgangsposition zum Umsteigen von Gleis 12 nach Gleis 6 zu haben. Ankunft am Stuttgarter Hauptbahnhof: 12.24 Uhr. Wir haben zwei Minuten zum Umsteigen mit Kinderwagen, Rucksack, Reisetasche und zwei Kindern. Zwei Sekunden vor der Abfahrt erreichen wir im Dauerlauf, völlig außer Atem die erste Wagentür und helfen Tochter und Enkelkindern samt Gepäck mit letzer Kraft hinein. Go Ahead– vergiss es!

© Gmünder Tagespost 05.07.2019 15:08
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Kommentare

Telegrafenamt

Der ausgefallene Zug ist freilich ärgerlich. Aber: Für die Treppen am Bahnhof in Böbingen oder den ausgefallenen Aufzug kann Go-Ahead ja wohl nichts.

Und die Züge auf die Gleise/Bahnsteige verteilen, und Durchsagen und Anzeigen am Bahnsteig schalten: Das macht die DB Netz AG. Die stellt auch das Signal vor dem Stuttgarter Bahnhof auf Rot. Der Lokführer von Go-Ahead wäre sicher auch gerne weitergefahren...