Lesermeinung

Zum Leserbrief über das Programm der VHS, in der GT erschienen am 17. September:

Der Leserbrief vom 17. September vermittelt den Eindruck, dass die Gmünder VHS überwiegend Kurse mit Freizeitcharakter anbietet und ihrem Bildungsauftrag nicht mehr gerecht wird. Wie dieser Eindruck zustande kommt, ist mir unklar und ich möchte ihm in aller Deutlichkeit widersprechen. In kaum einem Semester war der Anteil an Politischer Bildung so groß wie in diesem. Allein unser Schwerpunktthema umfasst mehr als 25 Veranstaltungen, die sich intensiv mit Afrika auseinandersetzen und Facetten abseits der touristischen Pfade beleuchten; der Fachbereich Berufliche Bildung umfasst 14 Programmseiten. Was verstehen wir unter Politischer Bildung? Einen Kurs, in dem Drahtspielzeug gebastelt wird, könnte man als Freizeitgestaltung bezeichnen. Was aber, wenn die Drahtmodelle denen nachempfunden sind, die Kinder in Burundi herstellen, und dabei über deren Situation gesprochen und nebenbei ein Blick für den Umgang unserer Gesellschaft mit Wegwerfspielzeug eröffnet wird? Genau das ist bei diesem Kurs beabsichtigt.

Wie bei vielen unserer Kurse, auch im Kreativ-, Sprachen- oder Gesundheitsbereich lernen die Teilnehmer Hintergründe und Zusammenhänge kennen. Sie werden dazu motiviert, Sachverhalte kritisch zu reflektieren und sich damit auseinanderzusetzen (...). Darin unterscheidet sich eine VHS von manch privatem Anbieter. Volkshochschulen orientieren sich am humanistischen Bildungsbegriff. Ihre Bildungsangebote sollen Menschen dabei unterstützen, ihre individuellen Fähigkeiten zu entfalten und das Leben in seiner Fülle wahrzunehmen zu können. Diese ganzheitliche Bildung hebt die in modernen Gesellschaften überkommene Trennung zwischen beruflicher und allgemeiner Bildung auf und reduziert eben nicht auf beruflich verwertbare Qualifikationen. Nach dem geplanten EU-Gesetz, das im Leserbrief angesprochen wird, müssten beispielsweise Senioren für spezielle Seniorenkurse Mehrwertsteuer bezahlen, weil sie diese Kurse nicht mehr beruflich verwerten können. Diese ökonomische Verwertbarkeit von Bildung widerspricht komplett dem Ansatz der Volkshochschulen, den sie seit ihrer Gründung vor 100 Jahren mit Leben füllen.

© Gmünder Tagespost 18.09.2019 19:41
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