Den ersten Viertausender erobern

Alpin Als Anfänger einen Viertausender besteigen? Das geht am Allalinhorn. Der Berg im Schweizer Kanton Wallis gilt als besonders einfach, trotzdem sollte ein Führer dabei sein.
  • Foto: Julia Klaassen

Plötzlich steht sie da. Eine Sprossenwand im Riesenformat. 14 Meter hoch ragt sie steil in die Höhe. Wer das 4 027 Meter hohe Allalinhorn besteigen will, muss dort hinauf. Und das wollen viele. In den Sommermonaten machen sich bis zu 500 Menschen täglich auf den Weg zum Gipfel. Für die meisten von ihnen ist es der erste Viertausender.

Das Abenteuer beginnt um 5.30 Uhr. Es ist noch dunkel, als die dreiköpfige Gruppe mit Bergführer Peter Novotny an der Talstation von Saas-Fee im Kanton Wallis in den Alpin Express steigt. Nur zweimal umsteigen, dann sind sie am Mittelallalin, der 3 456 Meter hoch gelegenen Bergstation am Feegletscher. Von dort sind es nur noch weniger als 500 Höhenmeter bis zum Gipfel. Auch deshalb gilt das Allalinhorn als einer der einfachsten Viertausender der Schweiz.

Gerade geht die Sonne auf. Ein grandioses Schauspiel – die 13 Viertausender, die Saas-Fee umgeben, sind in rotes Licht getaucht. Und direkt vor der Gruppe erhebt sich das Allalinhorn in den Himmel. Es hat Schnee hier oben, auch im August. Noch trotzt der Feegletscher dem Klimawandel. Zwischen Mai und Oktober ist die beste Zeit für eine Besteigung des Allalinhorns. „Und genau jetzt“, sagt Peter Novotny, „ist die beste Zeit für ein letztes Angstpieseln.“

Zwischen sechs und 83 Jahre

Seit 23 Jahren begleitet der 51-Jährige Bergsteiger und solche, die es werden wollen, auf die Gipfel des Saastals. Sein jüngster Klient war sechs Jahre alt, sein ältester 83. „Mit einer guten Kondition“, sagt er, „schafft man den Aufstieg in zweieinhalb bis drei Stunden.“ Eine gute Ausrüstung vorausgesetzt. Bevor es losgeht, werden die Bergsteigerschuhe mit Steigeisen versehen, die Gipfelstürmer in spe schlüpfen in einen Klettergurt, woran später das Seil festgemacht wird. Stöcke sind ebenso hilfreich wie Handschuhe und eine dicke Mütze, denn hier oben bläst ein eisiger Wind. Die gefährlichste Stelle kommt gleich am Anfang. Es geht direkt über die schon um diese Uhrzeit befahrene Piste. Ski-Nationalteams aus der ganzen Welt sind jedes Jahr in Saas-Fee zu Gast – in einem der wenigen Skigebiete, in denen Skifahren im Sommer überhaupt noch möglich ist. „Passt auf, dass ihr nicht überfahren werdet“, sagt der Bergführer. Nachdem die erste Hürde gemeistert ist, verbindet Peter Novotny alle Gruppenmitglieder mit einem Seil. „Damit mir keiner abstürzt“, sagt er. Denn auch der „einfachste Viertausender“ birgt Gefahren, Gletscherspalten zum Beispiel. Es sterben jährlich Bergsteiger – auch am Allalinhorn.

Langsam ist die erste Regel

Genau jetzt, ist die beste Zeit für ein letztes Angstpieseln.

Peter Novotny Bergführer

Auf dem unpräparierten Gletscher geht es langsam voran. Schritt für Schritt. Höhenmeter um Höhenmeter. „Das ist die erste Regel am Berg“, sagt Peter Novotny: „Langsam machen!“ Sonst reicht die dünner werdende Luft nicht lange.

Nach einer halben Stunde ist sie dann da: die Leiter. Sie ist auch ein Mahnmal für die voranschreitende Erderwärmung. „Hier wird ein Teil der Misere sichtbar“, sagt Peter Novotny. Auch der Feegletscher schmilzt. Wo die Leiter steht, hat sich ein mehrere Hundert Meter langer Riss gebildet. So breit, dass ihn nur noch geübte Bergsteiger überwinden könnten. Für die Region, die mit der Besteigung des Allalinhorns wirbt, eine Katastrophe. „Keine Leiter, keine Bergsteiger, keine Bergbahn“, fasst es Peter Novotny knapp zusammen, „das wären Einbußen von bis zu 900 000 Euro im Jahr.“ Im Sommer 2017 wurde die Leiter gebaut, die kein unüberwindbares Hindernis ist und doch Überwindung kostet.

Danach geht es Schritt für Schritt weiter. Es wird nicht viel gesprochen. Sauerstoff sparen und nicht aus dem Tritt kommen, lautet die Devise. Nach etwa zweieinhalb Stunden wird der Schnee weniger. Und endlich taucht das Gipfelkreuz auf. Die letzten Meter führen über Geröll und Felsen. Über einen schmalen Grat geht es hinauf auf 4 027 Meter. Der Ausblick ist atemberaubend. Berge, wohin man blickt. Im Osten sind die Ligurischen Alpen zu erkennen, im Westen der Montblanc. „Bis auf drei Gipfel kann man vom Allalinhorn aus bei guter Sicht alle Viertausender der Schweiz sehen“, sagt Peter Novotny. 48 sind das. 41 davon erheben sich im Wallis.

Der Abstieg ist einfach

Ein schnelles Gipfelfoto, bevor die nächsten Bergsteiger ihren Aufstieg für die Ewigkeit festhalten wollen, dann geht es wieder hinab.

Der Abstieg durch den mittlerweile sulzigen Schnee ist vergleichsweise einfach. Mit den Bahnen geht es vom Mittelallalin wieder hinunter ins Dorf. Hier ist es sommerlich, knapp 20 Grad, man kann spazieren gehen, Murmeltiere füttern oder mit der Rodelbahn fahren. Doch wenn man den Blick gen Himmel richtet, sieht man es strahlen – das Allalinhorn.

© Gmünder Tagespost 20.09.2019 15:23
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