Im Reich der letzten Seenomaden

Myanmar Der Mergui-Archipel vor der Westküste Myanmars ist die Heimat der Moken, die sich Jäger der Meere nennen. Nur mit dem Boot kommt man dorthin.
  • Foto: Marc Vorsatz

Die Szenerie hat etwas Gespenstisches. Irgendwo im Nirgendwo in pechschwarzer Nacht, ein großer knarrender Holzpott, der ein giftgrünes Licht auf die Andamanische See wirft. An die 20 Glühlampen tanzen an seinen Auslegern über dem Wasser. Das will sich Robby Devlin etwas genauer ansehen. Der Mann, den alle „Ernie“ nennen, ist der Skipper des Katamarans „Meltemi“, der sechs Gäste exklusiv ins Reich der letzten Seenomaden schippert.

Auf der abgewetzten Reling sitzt ein Moke, „ein vom Meer Verschlungener“, ein Seenomade. Mit einem Enterhaken hievt Maung Khine blitzschnell einen Hornhecht nach dem anderen an Deck. Das grüne Licht hat die schlanken Räuber zu Tausenden an die Oberfläche gelockt. So fischen die Moken heute. Noch vor ein paar Jahren legten sie großen Wert darauf, als Sea Hunter und nicht als Fischer bezeichnet zu werden. Jäger der Meere, die mit einem Speer Beute machen. Das ist selten geworden. Die meisten Moken sind inzwischen sesshaft geworden. Denn die moderne Festlandzivilisation mit ihren modernen Motorbooten, ihrem Geld, den Fernsehern und Handys ist gerade dabei, die Seenomaden zu assimilieren.

Ein erster kulinarischer Segen

Nur zwei Tage zuvor ist der Törn in ebendieser Festlandzivilisation gestartet. Die Schiffsjungen Kayin und Zolay begrüßen jeden Gast mit einem herzlichen „Mingalaba“ – möge Segen über dich kommen. Der erste Segen ist ein kulinarischer: gegrillter Roter Schnapper mit grünem Papaya-Salat auf Wildreis, dazu ein französischer Chardonnay. Einfach köstlich!

Den nächsten Morgen lassen alle ganz gemütlich angehen. Urlaub eben. Eine Runde entspannt planschen im türkisfarbenen Wasser, das es locker mit dem der Malediven aufnehmen kann. Käpt’n Ernie nimmt Kurs auf Insel 115. Ja, von den über 800 Inseln hat bei Weitem nicht jede einen Namen. Kleine karge felsige, große mit Regenwald, Palmen und versteckten Badebuchten. Die von der Sorte, bei der man am nächsten Morgen nur eine einzige Fußspur im schneeweißen Sand entdeckt: die eigene vom Abend zuvor. Eine dieser Traumbuchten liegt auf Jar Lann Kyung Island. Wahlweise mit Dingi oder Kajak geht es schnurstracks ins Paradies. Denn so in etwa muss es wohl aussehen, da sind sich alle einig. Dem will dann auch jeder Ewigkeit verleihen und fotografiert, was das Zeug hält.

Die Moken zählen keine Jahre, noch nicht.

Rossella Rossi Instituto Oikos

Einladung in die Schule

Doch nach ein paar Stunden, als der Hunger mit scharfem Zahn zu nagen beginnt, wird die „Meltemi“ mit ihrer Kombüse wieder spannender als das Paradies. Kayin und Zolay haben bereits feinstes Sashimi zubereitet. Am Morgen ging ihnen ein stattlicher Wahoo an den Haken, ein großer Raubfisch aus der Familie der Makrelen und Thunfische.

Am nächsten Tag läuft die „Meltemi“ das Moken-Dorf Ma Kyone Galet auf Lampi Island an. Kinder rennen den Hobbyseglern entgegen. Sie laden die Fremden gar in ihre Schule ein. Niedlich sehen die Abc-Schützen aus mit der gelben Farbe im Gesicht, die sie wohl mehr schmückt, als vor der Sonne schützt. Ein kleines Mädchen strahlt ein wenig schüchtern, dabei aber auch ein bisschen stolz in die Kameras. Ob ihr die Schule Spaß mache? Sehr sogar. In welche Klasse sie gehe und wie alt sie sei? In die erste Klasse. Ihr Alter wisse sie nicht. „Für die Kleine spielt Zeit keine Rolle. Die Moken zählen keine Jahre, noch nicht“, sagt Rossella Rossi. Sie ist die Direktorin des Instituto Oikos, einer Non-Profit-Organisation, die sich auf der Insel für die Rechte der Seenomaden und den Erhalt des einzigartigen Ökosystems einsetzt. Wenn die Erstklässlerin selbst Kinder hat, werden diese wissen, wie alt sie sind. Und Maung Khine auf seinem giftgrünen Boot ist schon heute kein Jäger mehr. Etwas nachdenklich segeln die Besucher wieder zurück in ihre Welt. Sie sind Zeitzeugen einer untergehenden Kultur geworden.

© Gmünder Tagespost 20.09.2019 15:23
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