Eine Lesereise mit dem Fahrrad

Baden Auf den Spuren des berühmten Dichters Grimmelshausen: Eine Fahrradroute führt ins Badische und zur Barockliteratur.
  • Foto: Albers

Fahrradfahren macht schlau. Zwar verbindet man Bildung eher mit Lesen und Literatur, aber warum nicht Sport und Buchkultur verbinden? Hat sich die Initiative Literaturland Baden-Württemberg, hinter der das Deutsche Literaturarchiv Marbach steht, gesagt und über das ganze Land ein Routennetz gelegt, das Autoren und Geschichten wieder in Erinnerung ruft – oder gar literarische Entdeckungen bietet.

Der jüngste Vorschlag führt zur Barockliteratur und ins Badische, nach Oberkirch. Ein hübsches Städtchen an der Rench, wo man sich in der Altstadt in der Touristinfo mit Karte und einer gut gemachten informativen Wegbeschreibung eindecken kann. Wenn man sich das nicht schon im Internet heruntergeladen hat. Denn man benötigt eine Anleitung: Die Routen folgen den lokalen Radwegen, sind nicht eigens ausgeschildert, und die gut gemachten Vorstellungen von Personen und Werken findet man vor Ort nicht – da könnten die Kommunen noch einiges nachliefern.

Die Route startet bedächtig durch die Gassen der Oberkircher Altstadt, Fachwerk prangt, Flaneure hocken in Straßencafés, in einer Ecke plätschert ein Kanal. Dort hat der Bildhauer Wolfgang Ducksch in einen Holzstamm ein sichtlich dem Wein zusprechendes Porträt gemeißelt, darunter die Worte „Der Wein auf dieser Erd ist der Poeten Pferd“. Ein erster Hinweis auf den Mann, der tolle Arbeit geleistet hat – in Gaisbach, einem längst mit Oberkirch zusammengewachsenen Dörfchen. Leicht hinauf geht es dorthin, den mächtigen Abhängen des Schwarzwaldes entgegen. Dort, wo sich die dunklen Waldflanken zu den lichteren Reihen der Weinberge und Obstwiesen aufhellen, ist das Dorf eingebettet. Im Kern sind Kirche und Gasthaus dicht beieinander, und hoch obendrüber hockt eine mauerreiche Ruine, die der Schauenburg. Dorthin holte der Burgherr im Jahr 1649 als Verwalter den Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, einen Mann aus Thüringen, der in den Kriegszügen des Dreißigjährigen Krieges als Trossjunge angefangen hatte und später in der Militärverwaltung aufstieg. Grimmelshausen baute das Schloss im Dorf wieder auf, stattete die Georgkapelle wieder aus, kurbelte die Produktion der gut ein Dutzend Rebhöfe an und sorgte auch für den Absatz: Er betrieb außerdem das Wirtshaus Silberner Stern. Und all das – so viele steinerne Spuren sind selten – bildet heute noch die Ortsmitte von Gaisbach.

Ein Radweg wie die Lebensreise

Im welligen Schwarzwaldvorland – Hügelchen rauf, Hügelchen runter – leitet die Radroute zu einem Dorf, das man sonst auch eher nicht kennengelernt hätte: Tiergarten mit seiner Ruine Ullenburg – auch hier arbeitete Grimmelshausen als Verwalter. Die Rebenhügel weichen jetzt mehr und mehr den Feldern mit Spargel, Erdbeeren oder was der Boden sonst hergibt. Auf dieses Mosaik hat schon Grimmelshausen gerne von seinen Burgen herabgeschaut. „Die Betrachtungen so schöner Lands-Gegend“ erfreue mehr als „eyferig“ zu beten, ließ er die Hauptfigur seines Romans sagen, an dem er in seiner Gaisbacher Zeit schrieb und in dem er die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges verarbeitete: „Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“. Der Radweg bewegt sich wie Grimmelshausens Lebensreise immer mehr der Rheinebene zu: In Renchen war er ab 1667 Bürgermeister, hier gab er seinen Roman im Jahr 1668 heraus.

An alten Sitten, biedern, frommen, halt fest mein Volk, mit treuem Blut.

Friedrich Gessler Literat

Das Grimmelhausen-Museum

Dort, wo er gelebt haben soll, haben seine Nachkommen ein Haus gebaut, in dem seit 1998 ein Museum ist, das Grafiken und Zeichnungen zeigt, die Künstler zu Grimmelshausen geschaffen haben. Vor dem Haus stellt ihn eine Statue mit Schwert und Schriftrolle dar, und an der Kirche ragt ein Denkmal am vermutlichen Ort seines Grabes auf. Es ist ein Recycling-Obelisk: eigentlich für die demokratischen Opfer der Revolution von 1848/49 geschaffen, aber von der badischen Regierung gleich verboten. Die umgearbeitete Version wurde dann 1879 als Grimmelshausen-Denkmal eingeweiht. Diesmal stimmte die ideologische Ausrichtung: „An alten Sitten, biedern, frommen, halt fest mein Volk, mit treuem Blut“, dichtete der B-Literat Friedrich Gessler dazu.

Willstätt, auch kein touristischer Hotspot, hat ausgesprochen schöne Ecken und ist längst nicht mehr die „eingeäschte Statt“, die Johann Michael Moscherosch erlebt hat, ein Zeitgenosse Grimmelshausens. Ein Obelisk und eine Ausstellung im Rathaus erinnern an ihn. Der Rückweg nach Oberkirch schlägt einige Haken um Autobahn und Bundesstraßen, taucht aber hinter Appenweier wieder tief ins Ländliche ein, bis entlang der Rench wieder Oberkirch erreicht ist. Wer jetzt noch mehr wissen will: Das Heimatmuseum widmet Grimmelshausen eine eigene Abteilung.

© Gmünder Tagespost 20.09.2019 15:23
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