Mit 15 Pfennig Stundenlohn angefangen

Jubilarin Hedwig Wolff kann an diesem Sonntag ihren 100. Geburtstag feiern. An der Badmauer in Gmünd kam sie zur Welt.
  • Eine Menge Leben im Gesicht: Hedwig Wolff wird an diesem Sonntag 100 Jahre alt. Foto: aro

Schwäbisch Gmünd

Dass Hedwig Wolff morgen ihren 100. Geburtstag auf eigenen Beinen stehend feiern kann, grenzt für die zierliche Seniorin und ihre Familie an ein Wunder. Vor vier Jahren stürzt sie bei der Gartenarbeit und brach sich die Hüfte. Dank ihrem eisernen Willen und der guten ärztlichen Versorgung kann sie wieder laufen. „Wenn im Oberstübchen nichts mehr geht, geht gar nichts mehr“, erklärt sie ihren Kampfgeist.

Waschechte Gmünderin

Als „waschechte Gmünderin“, kam Hedwig Wolff am 22. September 1919 in der Gmünder Badmauer zur Welt. Die Mutter stammte aus dem Berner Oberland in der Schweiz, der Vater aus Buchengehren im Welzheimer Wald. Einige Jahre wohnte Hedwig mit ihrem späteren Ehemann Julius Wolff in Nachbarschaft, bis Hedwigs Familie innerhalb Schwäbisch Gmünd umzog. Ihre zukünftige Schwiegermutter habe sie immer verehrt und geachtet, meint Hedwig Wolff. Der Kontakt zu Wolffs habe immer bestanden, in den Jahren, in denen das Geld knapp war, brachte die junge Frau immer Eier zur Familie Wolff.

Nach acht Jahren Schule wollte die zierliche dunkelhaarige Frau ihre Liebe zum Nähen zum Beruf machen, durch glückliche Umstände erhielt sie eine Lehrstelle zur Schneiderin, die sie nach drei Jahren mit dem ersten Preis in der Gesellenprüfung abschloss. Später arbeitete Hedwig in einem Stuttgarter Betrieb, 15 Pfennig Stundenlohn habe es damals gegeben, erinnert sie sich. Das Zimmer bei der Stuttgarter Tante schlug mit 15 Mark zu Buche und für die Heimfahrt am Wochenende waren weitere 2,10 Mark fällig. „Mit einer Kollegin habe ich mir das Mittagessen geteilt, so konnte man Geld sparen“. Der Zweite Weltkrieg war da, und Hedwig musste in einer Uniformfabrik in Gmünd Uniformmäntel nähen. Ihr Bruder, der eine Ausbildung bei der Bahn absolvierte, vermittelte seiner Schwester dort eine Arbeitsstelle. „Sechs Monate Ausbildung mit Gehalt, das war ein tolles Gefühl“, strahlt Hedwig in Erinnerung. Während der Ausbildung habe sie sogar das Morsen gelernt.

Hedwig Wolff durchlief viele Tätigkeitsstationen bei der Bahn, unter anderem beim Fahrkartenschalter. Dienstbeginn war um 4.10 Uhr. „Die Menschenmengen vor den Schaltern waren so enorm, dass uns die Billets ausgingen“ erzählt sie. Nach Kriegsende wollten die Heimkehrer ihre Stellen zurück, der Personalchef wollte seine wertvolle Mitarbeiterin nicht verlieren und vermittelte ihr eine Stelle in Stuttgart. Die konnte Hedwig nur antreten, weil sie innerhalb von drei Monaten Maschineschreiben und Stenografieren erlernte. In der Kanzlei habe sie den ganzen Tag Schreibmaschine geschrieben, „aber mehr verdient“. Bei den montäglichen Bahnfahrten nach Stuttgart traf Hedwig öfters auf den Freund Julius aus Kinderzeiten. „Eines Tages lud mich Julius ein und fragte einfach, ob ich ihn heiraten möchte“. Am 5. Mai 1951 heirateten Hedwig und Julius. „Eine Wohnung war nicht zu bekommen, also zogen wir in mein Mädchenzimmer in Gmünd“.

Acht Urenkel

Mit der Geburt des ersten Kindes Eberhard beendete Hedwig ihre Arbeit und widmete sich der Familie, die mit Roland und Elisabeth perfekt wurde. 1963 bauten die Wolffs in der Gmünder Erwin-Rommel-Straße. Dort wohnt Hedwig heute noch und nimmt aktiv am Leben teil. Mit nur ganz wenig Unterstützung meistert sie ihr Leben und den Haushalt allein. Am Sonntag feiert Hedwig Wolff im Kreis der Familie, zu der zwischenzeitlich sieben Enkel und acht Urenkel gehören.

© Gmünder Tagespost 20.09.2019 22:11
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