Auf Spurensuche in Erfurt

Geschichte Verschollen, vergessen, verschwiegen: Stumme Zeitzeugen dokumentieren eine wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt. Von
  • Foto: Beate Schümann

In Erfurt lebten im Mittelalter viele Juden. Deren wechselvolle Geschichte kann man nun an vielen Stellen der Stadt wiederentdecken. Wie Schwalbennester kleben die restaurierten Fachwerkhäuser auf der Krämerbrücke. Dicht an dicht. So dicht, dass der Fluss Gera kaum mehr zu sehen ist. Erst unten an der Furt gibt sich die Brücke als solche zu erkennen.

Vor rund 20 Jahren entdeckt

Früher verkauften Händler hier ihre Waren. Heute versorgen Läden und Cafés die Besucher mit ausgefallen Souvenirs und köstlichen Häppchen. Die Gassen sahen im Mittelalter wohl nicht viel anders aus. Im Umfeld der Brücke lebte damals ein Großteil der jüdischen Gemeinde Erfurts, die in Deutschland eine der größten war. Dass es im Herzen der Altstadt eine Synagoge gab, war Denkmalpflegern bekannt. Doch niemand wusste, wo genau. Bis zur Wiederentdeckung in den 1990er-Jahren war der jüdische Tempel aus dem öffentlichen Bewusstsein fast vollständig verschwunden. Auch optisch. Denn nach dem Pogrom von 1349 war das Gotteshaus erst in einen Speicher und später, im 19. Jahrhundert, in ein Wirtshaus umgewandelt worden.

Im Ballsaal des früheren Döblerschen Kaffeehauses tanzten und sangen die Nationalsozialisten unterm Hakenkreuz. Das Orchester spielte Foxtrott und Charleston dazu. Was die Antisemiten nicht wussten: Sie feierten in einer Synagoge. Der dekorative Tanzsaal im ersten Stock ist heute als zeitgeschichtliches Dokument ein Bestandteil des Museums Alte Synagoge. „Es ist der Fremdnutzung zu verdanken, dass sie die Jahrhunderte überlebt hat“, sagt die Kuratorin Maria Stürzebecher.

Mittelalter blieb erhalten

Vom Fundament bis zum Dach ist pures Mittelalter erhalten geblieben. Im Gewölbekeller des vor zehn Jahren eröffneten Museums wartet ein weiterer Sensationsfund: der gotische Brautschatz, der 1998 zufällig bei Bauarbeiten im Quartier gefunden wurde. „Vermutlich wurde er während des Pogroms von wohlhabenden Juden vergraben“, sagt Maria Stürzebecher. Der gut 30 Kilo schwere „Erfurter Schatz“ ist in Vitrinen ausgestellt – Silbermünzen und filigrane Goldschmiedearbeiten sowie hebräische Handschriften. Eine Rarität ist ein fein gearbeiteter Hochzeitsring aus Gold.

Der Friedhof ist das Gedächtnis wider das Vergessen.

Annelie Hubrich Forscherin

Wenige Schritte von der Alten Synagoge entfernt führen Steinstufen ins Gera-Wasser. Im Sommer nutzen Touristen den Fluss als Erfrischungsbad für heiß gelaufene Füße. Und hier kommt man dem jüdischen Erbe der Stadt erneut auf die Spur. Denn wo eine Synagoge ist, ist auch eine Mikwe. Das rituelle Tauchbad wurde nach Überschwemmungen 2006 bei einem Bruch der Ufermauer entdeckt. Im kleinen Park auf der Anhöhe gewährt inzwischen ein Schaukasten den Blick hinunter.

Der intime Charakter des Ortes offenbart sich allerdings erst bei einer Führung. „Mit diesem Fund kam 2007 die Idee für den Unesco-Titel auf“, sagt Maria Stürzebecher, die zugleich die Beauftragte für das Welterbe ist. Die Aussichten stehen gut, weil jüdisches Leben in Erfurt seit dem Mittelalter fast unverfälscht überliefert ist. Den alten jüdischen Friedhof gibt es nicht mehr. Allerdings lassen sich 110 sorgfältig restaurierte Grabsteine im Schaudepot des „Steinernen Hauses“ bestaunen. Der älteste datiert von 1244. Der neue jüdische Friedhof ist dagegen erhalten geblieben.

Eine breite Lindenallee führt hinauf zur byzantinisch-maurischen Trauerhalle. Links und rechts gehen mit Efeu bewachsene Grabfelder ab. Auf dem parkähnlichen Gottesacker erstrecken sich Gräber von 1878 bis in die Jetztzeit – an die 1000 meist stehende Grabsteine gibt es noch. „Der Friedhof ist das Gedächtnis wider das Vergessen“, sagt Annelie Hubrich, die den Friedhof seit 2011 erforscht. Nach dem Friedhof schlägt der Bogen der Geschichte am Erinnerungsort Topf & Söhne brutal zu. Das Erfurter Unternehmen war eine von zwölf zivilen Firmen, die eine Schlüsselrolle beim Bau der Krematorien für Todesfabriken spielten.

Die Frage der Verantwortung

Eine Ausstellung im Firmengebäude dokumentiert am Originalschauplatz, welche Rolle die Feuerungstechnische Maschinenfabrik beim Massenmord an Juden spielte, und fragt nach den Motiven der Akteure. Auf drei Etagen wird dargestellt, wie Ingenieure, Facharbeiter und Monteure ehrgeizig an Lösungen für die „Endlösung“ arbeiteten, um die Leichen möglichst effektiv beiseitezuschaffen – geräuschlos, geruchlos, sauber. „Das Beunruhigende ist“, sagt Gedenkstättenpädagogin Rebekka Schubert, „dass weder die Firmeninhaber noch die Mitarbeiter fanatische Nationalsozialisten oder Antisemiten waren. Sie handelten weder auf Befehl noch unter Druck, sondern freiwillig, in völliger Abwesenheit von Mitmenschlichkeit.“ Dass man sich durchaus weigern konnte mitzumachen, belegen Beispiele aus anderen Städten. „Wenn wir uns heute die Frage nach der Verantwortung unseres Tuns stellen, hat die Ausstellung viel erreicht“, sagt Rebekka Schubert.

© Gmünder Tagespost 27.09.2019 15:07
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