Ohne Praxisbesuch zum Medikament

Mit dem Projekt „Gerda“ wird in zwei Modellregionen im Südwesten das elektronische Rezept eingeführt. Es soll Vorbildcharakter für ganz Deutschland haben.
  • Konsultation online: Arzt und Patient sehen sich am Rechner – und dort werden auch Rezepte ausgestellt. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Nach Pionierarbeit beim Bildschirm-Arzt geht Baden-Württemberg den nächsten Schritt: Seit diesem Monat können gesetzlich Versicherte in Modellregionen ein elektronisches Rezept empfangen und an eine örtliche Apotheke ihrer Wahl weiterleiten. 2020 soll das im ganzen Land möglich werden. Mit der Initiative wollen Krankenkassen, Apotheker und Politik bundesweit Standards setzen.

Das Projekt heißt „Gerda“ (Geschützer E-Rezept-Dienst der Apotheken), und die Beteiligten sind erkennbar zufrieden: Von einer „historischen Stunde“ sprach Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) bei der Vorstellung. „Wir schreiben heute Geschichte“, pflichtete Johannes Fechner bei, der Vizevorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg: „Als erstes Bundesland in Deutschland können wir den gesetzlich Krankenversicherten jetzt telemedizinische Beratung und bei Bedarf gleichzeitig auch ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel zukommen lassen.“

Tatjana Zambo, die Vizepräsidentin des Landesapothekerverbandes, erkannte „eine neue Ära in der Arzneimittelversorgung“. Der Präsident der Landesapothekerkammer, Günther Hanke, betonte: „Die Technologie hat das Potenzial, Vorlage für eine bundeseinheitliche Lösung zu sein.“

Bisher 40 Telemedizinärzte

Das Verfahren ist zunächst an das Telemedizinangebot „DocDirect“ gekoppelt, das 2018 begonnen hat. Über eine App auf dem Smartphone können gesetzlich Versicherte Ärzte per Video konsultieren. Für ein Rezept mussten sie bislang aber weiterhin eine Praxis aufsuchen. Mit der neuen Technik können Ärzte das Dokument auf einen Server schicken.

Patienten können es dort einsehen und dann einer teilnehmenden Apotheke ihrer Wahl zugänglich machen. Über eine Chatfunktion können sich Apotheke und Kunde auch verständigen, beispielsweise zum Abholtermin oder einem Botendienst.

Fechner zufolge gibt es bei „DocDirect“ 40 Telemedizinärzte. Bei einem Drittel der Gespräche hätten die Mediziner bislang gern ein elektronisches Rezept ausgestellt, wenn das schon möglich gewesen wäre. „Gerda“ wird nun zunächst in den Landkreisen Stuttgart und Tuttlingen getestet.

Die Beteiligten betonten, sie wollten bewusst eine Vorreiterrolle einnehmen. Das elektronische Rezept komme so oder so; es gebe aber inzwischen zahlreiche Vorstöße mit Eigeninteressen auch kapitalgesteuerter Firmen.

„Gerda“ soll dem Bund eine Vorlage bieten und gleichzeitig Standards setzen: für ein einheitliches System mit neutralen Akteuren und staatlicher Kontrolle; für fairen Wettbewerb zwischen Versandhandel und ortsgebundenen Apotheken. Letztere seien ein fester Bestandteil wohnortnaher Versorgung, sagte Lucha.

Das Land finanziert diesen Vorstoß mit einer Million Euro. „Der Bund hinkt hinterher, guckt aber auf Baden-Württemberg“, bekräftigte der Minister.

Als Nebeneffekt sieht er Baden-Württemberg nicht nur in der Telesprechstunde, bei medizinischen Apps und der elektronischen Patientenakte in der Vorreiterrolle. Der Landesdatenschutzbeauftragte Stefan Brink sei bei der gemeinsamen Arbeit „mittlerweile in Deutschland die Kernkompetenz“ und zum Gesundheitswesen-Datenschutzexperten schlechthin gereift.

In einem Bertelsmann-Rating zur Digitalisierung im Gesundheitswesen sei Deutschland unter 18 bewerten Nationen nur auf Platz 17 gelandet, erklärte Lucha. Baden-Württemberg bringe unter allen Bundesländern die besten Voraussetzungen mit, um die Umstellung zu bewältigen.

Der Minister hielt es für möglich, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen letztlich tiefergreifende Spuren hinterlassen werde als die Entdeckung von Röntgenstrahlung oder Antibiotika. Der empathische Mensch müsse dabei stets die Oberhand behalten. „Gerda“ sei ein Projekt, an dem Patienten feststellen könnten: „Der technische Fortschritt kommt unmittelbar und direkt helfend bei ihnen an.“
© Südwest Presse 08.11.2019 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.