Lesermeinung

Zum Artikel „Dass Frauen das nötige Charisma haben, ist keine Frage“ zum Thema „Maria 2.0“, erschienen in der Gmünder Tagespost am 5. November:

Der GT-Bericht „Dass Frauen das nötige Charisma haben, ist keine Frage“ kann die Dichte, Vielfalt und offene Atmosphäre dieses Abends nur partiell wiedergeben. Im Folgenden noch ein paar Aspekte, die den Rahmen des Abends gesprengt hätten. Der Grundkonflikt, der zur Zeit die katholische Kirche durchzieht, verhindert auch das Priesteramt der Frauen.

Auf der einen Seite stehen die Reformkräfte, auf der anderen die Kurie, die das 2. Vatikanum am liebsten wieder tilgen und das Papstamt für sich beanspruchen möchte.

Hinzu kommt bei Kurie und Altpapst neuer- dings wieder die Ideologie der Reinheit. Schon ab dem vierten Jahrhundert setzte sich das Ideal der kultischen Reinheit durch (Speisen, Sexuelles, Kult).

Daraus entstand unter Klerikern eine leistungsorientierte Verzichtsspiritualität: Armut, Gehorsam, sexuelle Enthaltsamkeit (Keuschheit). Das Überlegenheitsgefühl der Geweihten, dass nur sie Sakramente verwalten können, eröffnete einen „(schein-)heiligen“ kontroll- freien Raum für Missbrauch von Klerikern an Kindern (laut Kirchenhistoriker Lutherbach).

Die Fiktion einer reinen, kleinen, elitären Kirche geht am Auftrag des Religionsstifters vorbei und grenzt aus. Die Kurie in Rom scheint die biblische Aussage über die Ebenbildlichkeit Gottes von Mann und Frau vergessen zu haben, Menschenrechte und Gleichberechtigung wohl ebenso.

Es wird immer offenbarer: Privilegien und Macht sind dort wichtiger als der Auftrag für eine arme, dienende, prophetische und samaritanische Kirche. Und dabei benützen die römischen Reform-Verhinderer das Wort „Evangelisierung“ ständig als Kampfbegriff gegen den Ruf nach gerechteren, unter anderem auch Missbrauch vermindernden Strukturen in der katholischen Kirche. Armer Franziskus!

© Gmünder Tagespost 08.11.2019 21:47
121 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.