Lesermeinung

Abstimmung war Abwägungssache

Zur Diskussion über den Verwaltungssausschuss, der sich am Mittwoch entschieden hat, eine Ansiedlung des Unternehmens Amazon nicht weiter zu verfolgen:

Im Verwaltungsausschuss habe ich aus verschiedenen Gründen gegen ein Amazon-Logistikzentrum gestimmt.

Zum einen kennen wir doch alle die Verkehrslage in Schwäbisch Gmünd sehr gut. Das Verkehrsaufkommen in unserem „Städtle“ explodiert nahezu. Es gibt Tage, da braucht man eine halbe Stunde, um von der Weststadt in die Oststadt zu kommen, mit dem Auto wohlgemerkt. Nun hätte uns mit dem Logistikzentrum eine zusätzliche Verkehrsbelastung von täglich 50 Lastwagen und 500 Van–Zu- und Abfahrten gedroht. Das würde aus meiner Sicht den Verkehr in Gmünd endgültig zum Erliegen bringen.

Des Weiteren steht der Flächenverbrauch in keiner Relation zu den geschaffenen Arbeitsplätzen. 30 000 Quadratmeter für erst einmal 60 Jobs im Niederlohnsektor halte ich für nicht vertretbar. Nicht nur aus ökologischen Aspekten, sondern auch aus wirtschaftlichen. Amazon hätte den Beschäftigten in Gmünd 11,15 Euro brutto pro Stunde geboten. Wer so einen niedrigen Lohn erhält, hat es schwer, beispielsweise seine Miete zu zahlen und ist auf Wohngeld angewiesen. Wohngeld, das aus unseren Steuergeldern finanziert wird.

Niedrige Löhne bedeuten auch niedrige Rentenansprüche. Auch bei diesem Punkt dürfen wir als Steuerzahler das „Aufstocken“ der Armutsrenten finanzieren. Für mich ist dieses Vorgehen inakzeptabel. Ich kann doch nicht mit gutem Gewissen zustimmen, im Wissen, dass am Ende der Steuerzahler und der Sozialhaushalt weiter belastet wird, während Amazon Jahr für Jahr Rekordgewinne erzielt.

Schlussendlich verbaut sich Amazon die Perspektive selbst. Würden sie einem Tarifvertrag mit ver.di zustimmen, wären elementare Arbeitsbedingungen geklärt. Das würde Amazons Gewinnmarge kaum schmälern, Kritikern jedoch viel Wind aus den Segeln nehmen.

Die Abstimmung im Verwaltungsausschuss war eine Abwägungssache. Es gibt nicht die eine richtige Argumentationslinie. Ich persönlich setze mich in meinem Beruf als Gewerkschaftssekretär tagtäglich dafür ein, dass vertraglich geregelte Arbeitsbedingungen auch eingehalten werden und vor allem eine Sozialpartnerschaft entsteht und gelebt wird. Arbeitgeber sind für mich keine „Gegner“. Sie sind unsere Sozialpartner. Amazon verweigert sich jedoch bisher dieser Partnerschaft, die eben auch ein Zugehen auf die Belegschaft bedeuten würde. Schade!

© Gmünder Tagespost 08.12.2019 20:51
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Kommentare

In my humble opinion

Und nun erklären Sie bitte die 'Abwägung', was sich am Verhältnis von Grundfläche zu Arbeitsplätzen ändert, was am Stundenlohn anders ist, wie sich die Rentenbeiträge erhöhen, wenn das Verteilzentrum statt auf dem Gügling in Gmünd in Meßstetten oder einem anderen Ort aufgebaut wird.

Und erklären Sie bitte, wie ein Verkehr vom Gügling auf die B29 angeblich Gmünd blockiert.

Wenn es Ihnen um Abstrafung eines Unternehmens ging: "Si tacuisses ..." sagte man im alten Rom.

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