Bläses Aussage ist „falsch und verstörend“

Zur Ablehnung der Amazon-Ansiedlung:

„Der Kaiser fragt den Bauern, warum er Bäume pflanze, die er selbst nicht mehr nutzen werde. Dieser antwortet, er tue es Gott und den Nachkommen zum Gefallen.“ Das Zitat stammt von Hans Carl von Carlowitz, dem Begründer nachhaltigen Denkens und Handelns. Er lebte übrigens von 1576 bis 1639. Wenn heute von Nachhaltigkeit gesprochen wird, so versteht man darunter, Nachkommen in intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge zu hinterlassen, so formuliert in der UN-Umweltkonferenz von 1992. Von Carlowitz’ Definition ist dagegen strenger, denn ein nachhaltiges Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten ist nicht möglich. Diesem Bewusstsein trägt die Entscheidung des Verwaltungsausschusses vom vergangenen Donnerstag Rechnung: Auch der Boden ist nicht reproduzierbar, er ist begrenzt und wenn bis zu 30 Hektar überbaut werden, ist er verloren, das heißt er kann nicht anderswo neu geschaffen werden. Eine ökologische Ausgleichsmaßnahme schafft dies selbstverständlich auch nicht. Vergangenes Wochenende stellten Landwirte im Zusammenhang mit dem „Mahnfeuer“ etwas Ähnliches fest, trotz anderer Absichten.

Auch die Sprecher der CDU und der Bürgerlichen Liste sahen in dem enormen Landverbrauch, nicht nur im Verhältnis zu den Arbeitsplätzen ein wichtiges Problem. Ich wundere mich deshalb, dass das Abstimmungsergebnis im Verwaltungsausschuss kritisiert wird, die Argumente gegen die Ansiedlung waren bei den Vertretern aller Fraktionen dieselben. Auch wenn die Verwaltung den Auftrag bekommen hätte, das Vorhaben von Amazon weiter zu verfolgen, hätte es an der Tatsache nichts geändert, dass der Internethändler diese Fläche wünscht. Gabriel Baum von den Grünen hat es treffend gesagt, er wolle der Verwaltung Arbeit ersparen.

Dass der erste Bürgermeister der Stadt Schwäbisch Gmünd von einem „verheerenden Signal“ spricht, ist in mancherlei Hinsicht falsch und verstörend. Allein die mehrmalige Ausweitung des Gewerbegebiets Gügling seit den 90er-Jahren spricht dagegen. Es ist ganz im Gegenteil ein gutes Signal, dass eine Stadt im nahen Umkreis Stuttgarts bereit ist, mit Grund und Boden sorgsam umzugehen. Sicherlich, verhindern werden die gewählten Vertreter, die gegen die weiteren Verhandlungen stimmten, den Internethandel nicht. Sie fördern allerdings diesen Handel auch nicht. Es ist ein positives Zeichen für eine soziale Nachhaltigkeit, dass Menschen nicht in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt werden, die darüber hinaus in keinem Falle sichere Arbeitsplätze sind. Die Bilder des Unternehmens mit leeren Verteilhallen machten dies bereits deutlich. Es ist ein positives Zeichen für eine vernünftige Verkehrspolitik, die auch eine Stadt beeinflussen kann. Es ist ein wichtiger Beitrag zur ökonomischen Nachhaltigkeit, andere Unternehmen erfüllen dies deutlich mehr.

Die letzte Folie des Unternehmens, „Vielen Dank“, konterkarierte das Ergebnis am Schluss. Glücklicherweise sind solche Abstimmungen in Schwäbisch Gmünd kein Selbstläufer mehr, auch wenn dies die bisherige Mehrheitsfraktion der CDU schmerzt. Deshalb: „Vielen Dank“ für die getroffene Entscheidung.

© Gmünder Tagespost 10.12.2019 19:43
1280 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben

Kommentare

In my humble opinion

Das Geschäftsmodell ‚Amazon‘ ist sicher in manchen Aspekten kritikwürdig, doch verstößt meines Wissens Amazon damit gegen keine Gesetze. Wenn wir also wollen, dass Amazon sich ändert, müssen wir die einschlägigen Gesetze ändern – und das ist etwas, was mit Sicherheit außerhalb der Zuständigkeit von Stadträten der Stadt Schwäbisch Gmünd liegt. Sicher erscheint eine Forderung nach 30.000 m² reichlich anspruchsvoll, zu fragen wäre, ob ein Verteilzentrum nicht platzsparender gebaut werden kann, aber selbst eine versiegelte Fläche ist ja nicht verloren, sondern immer noch da, eine Frage wäre die, was nach einer möglichen Schließung des Verteilzentrums in der Zukunft mit dem Grundstück geschieht. Eine andere logische Frage wäre die nach der Bewirtschaftung des Niederschlagswassers und, ob eine PVA auf dem Dach geplant sei.
Es bleibt also augenscheinlich der subjektive moralische Anspruch, die Welt ( hier: Amazon ) ändern zu wollen, das ist sicher aller Ehren wert. Ein Stadtrat ( m/w/d ) wird aber nicht wegen seiner persönlichen Befindlichkeit ins Amt gewählt, sondern in der Hoffnung, dass er ( m/w/d ) sorgsam im Interesse der Bürger der Stadt entscheidet. Die persönliche Einstellung zur Verbesserung der Welt zum Maßstab der Entscheidung zu machen und nicht eine Abwägung ‚sine ira et studio‘ zugunsten der Einwohner ist aus meiner Sicht bedenklich. Ansonsten wird dann letzten Endes sozusagen der Gedanke bewertet und nicht die Tat.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy