Höchststrafe für ein blutiges Massaker

Oberlandesgericht Stuttgart verurteilt den Chef einer Kampftruppe, die in Syrien viele Menschen getötet hat.
Abdul Jawad al-K. muss gewusst haben, was ihn erwartet, als er nach Deutschland kam im Oktober 2014. Das Massaker auf einem Müllplatz nahe der syrischen Stadt Tabka hatte sich unter seinen Landsleuten bereits herumgesprochen. Als Anführer einer Soldatentruppe soll er zusammen mit anderen Anhängern der radikal-islamistischen Terrorgruppe Dschabhat al-Nusra mindestens 19 Anhänger des verhassten Assad-Regimes getötet haben, eiskalt und grausam.

Polizisten gehörten im März 2013 ebenso zu den wehrlosen Opfern wie Verwaltungsbeamte und Milizionäre. In Deutschland gerät al-K. ins Visier der Ermittler – und wird vor Gericht gestellt. Nun hat das Stuttgarter Oberlandesgericht den Syrer zur Höchststrafe verurteilt. Drei ebenfalls angeklagte Cousins und frühere Gleichgesinnte in der Kampftruppe müssen für bis zu achteinhalb Jahre in Haft.

Dem Vorsitzenden Richter gehen die arabischen Namen der Angeklagten mittlerweile ohne Stocken über die Lippen. Seit Mitte 2017 hat sich der Senat von Herbert Anderer mit der Bluttat beschäftigt, er hat Akten gewälzt, Zeugen verhört. Er kennt die unterschiedlichen Kampftruppen, er hat gelernt, wo Tabka liegt und wann Rakka von der Gruppe eingenommen wurde, der auch al-K. angehörte.

Und er hat einsehen müssen, dass auch der Senat nie die ganze Wahrheit erfahren wird: „Blick, Horizont und Verständnis haben sich in den zwei Jahren sehr geweitet“, sagt Anderer bei der Urteilsbegründung, der auch Familienangehörige der Angeklagten beiwohnen. „Aber ein Strafprozess kann nicht mehr sein als eine Annäherung.“

Den Erkenntnissen zufolge kam Abdul al-K. im Oktober 2014 als einer der Täter im Strom der Opfer und wahrscheinlich über die Balkanroute aus Syrien nach Deutschland. Er landete schließlich in Leimen bei Heidelberg, wo er auch verhaftet wurde. Im Laufe des Krieges soll seine kleine Kampfeinheit mehrfach die Seiten gewechselt haben. Sie kämpfte mal auf Seiten der Freien Syrischen Armee, dann mit der Al-Nusra-Front, damals der syrische Ableger von Al-Kaida.

Ausgerüstet mit Kalaschnikows

Ausgerüstet mit Kalaschnikow-Sturmgewehren und später auch mit Handgranaten, Raketenwerfern, Maschinengewehren und Panzerfahrzeugen soll die Brigade unter Al-Nusra-Kommando eine blutige Spur in der Region Rakka hinterlassen haben, darunter auf der Müllkippe bei Tabka. Dort waren mindestens 19 Gefangene durch einen Schariarichter zum Tode verurteilt.

Auf die Spur der Gruppe sollen die Ermittler über Aussagen eines Syrers in einem Asylantragsgespräch gekommen sein. Die langen Ermittlungen endeten nun vorerst in der Verurteilung al-K.s zu lebenslanger Haft. Der Senat stellte auch wie von der Bundesanwaltschaft gefordert die besondere Schwere der Schuld fest. Damit ist nicht absehbar, ob und wann der Syrer jemals wieder auf freien Fuß kommt. dpa
© Südwest Presse 14.01.2020 07:45
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