Klassenfahrt an den Ort des Grauens

75 Jahre nach der Befreiung der NS-Konzentrationslager gibt es immer weniger Zeitzeugen, die von ihrem persönlichen Leid berichten können. Die KZ-Gedenkstätten werden deswegen für das Erinnern wichtiger. Ein Besuch in Sachsenhausen.
  • Günther Morsch leitete jahrelang die Gedenkstätte KZ Sachsenhausen. Foto: Hirschberger/dpa
  • Schüler besuchen die Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen. Hier setzt man auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Foto: Horacio Villalobos/Getty Foto: Horacio Villalobos/Getty
  • Das KZ Sachsenhausen lag wenige Kilometer nördlich von Berlin. Foto: Karte: SWP-Grafik
  • Lageralltag im Februar 1941: Gefangene beim Appell im KZ Sachsenhausen. Foto: Popperfoto/Getty Images
Ines schüttelt verstört den Kopf. „Es ist doch erschreckend, dass jemand wegen seines Glaubens oder weil er schwul oder lesbisch war, in ein Konzentrationslager gekommen ist.“ In sich gekehrt lässt die Zehntklässlerin aus dem Emsland die Eindrücke aus dem ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg auf sich wirken: die beiden noch verbliebenen Baracken, in denen hunderte Juden auf engstem Raum zusammengepfercht waren, den Appellplatz am Eingang, der direkt vor den Mündungen der Maschinengewehre lag, und den Erschießungsgraben mit der extra für Sachsenhausen konstruierten Genickschuss-Anlage. „Wenn man hier geht, merkt man, dass das, was auf Netflix gezeigt wird, real war. Dass es das wirklich einmal gegeben hat.“

Es ist ein nebliger Tag. Der Wind fegt braune Buchen- und Birkenblätter über steinige Wege und weitläufige Rasenflächen. Das Geschnatter von Wildgänsen dringt durch die Stille. In den Nachmittagsstunden streifen nur noch wenige Besuchergruppen über das Gelände, das 1936 von SS-Architekten am Reißbrett als idealtypisches Konzentrationslager entworfen wurde. Auf 400 Hektar, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Industriestadt Oranienburg, 36 Kilometer nördlich der Hauptstadt Berlin, stampften Nationalsozialisten mit Häftlingen aus dem Emsland einen Ort des totalen Terrors aus dem Boden. Er wurde zur Leidensstätte für Gefangene aus 40 Ländern – viele politische Häftlinge waren darunter, Sinti und Roma, Widerstandskämpfer und Juden. Im beschaulich wirkenden Kommandanten-Häuschen direkt am Lagereingang organisierten SS-Mitglieder die Massenmorde in allen deutschen Konzentrationslagern.

Name, Würde und Leben geraubt

200 000 Menschen wurden allein in Sachsenhausen bis zur Lagerbefreiung im April 1945 ihres Namens, ihrer Würde und meist auch ihres Lebens beraubt. „Hinter dem Turm A, dem Eingang zum Lager, galten keine Regeln und keine Gesetze mehr. Nur noch Willkür, Demütigung und Gewalt“, sagt Christine Meibeck. Seit zwei Jahren führt sie Besuchergruppen über das Gelände, zeigt geschichtliche Zusammenhänge auf, schildert die Ausweglosigkeit der Häftlinge und die Skrupellosigkeit vieler Bewacher. Nicht wenige handelten aus eigenem Antrieb. „Viele SS-Angehörige hatten die Wahl: Sie konnten selbst entscheiden, ob sie sich an der Hinrichtung 13 000 sowjetischer Kriegsgefangener beteiligen und sich den Massenmord mit einem dreiwöchigen Sonderurlaub in Südtirol „honorieren“ lassen wollten, oder ob sie Abstand halten wollten zu dem grausamen Gemetzel.“

Es sind Denkanstöße wie diese, die heute eine Brücke schlagen zwischen den Besuchern und diesem Ort des Grauens. Viele Jahrzehnte lang haben auch Zeitzeugen die Verbindung hergestellt. So wie der Norweger Bernt Lund, einer der vielen politischen Gefangenen in Sachsenhausen, der 2018 bei einer Gedenkfeier noch als 93-Jähiger von politischem Widerstand gegen die Nazi-Besatzer in Norwegen und den Jahren in der Haft gesprochen hat. Doch Stimmen wie seine verstummen. 75 Jahre nach der Befreiung der NS-Konzentrationslager durch die Alliierten können nur noch wenige Überlebende ein persönliches Zeugnis geben. Für die Erinnerungskultur in Deutschland ist das eine Zäsur. Das „Wir sind da gewesen“ der Zeitzeugen verschiebt sich zu einem „Hier ist es gewesen“ der Dokumentationsstätten.

„Viele Zeitzeugen vermitteln eine Humanität und eine Selbstlosigkeit, die das Gegenüber unmittelbar in den Bann zieht“, sagt der Historiker Günter Morsch. 25 Jahre lang hat er die Gedenkstätte KZ Sachsenhausen geleitet und ist dort immer wieder mit ehemaligen Häftlingen zusammengetroffen. Die Begegnungen haben sich ihm eingeprägt. „Der tief empfundene humanitäre Auftrag aus der Erfahrung der Apokalypse, des Zusammenbruchs allen Menschlichen“ habe oftmals beeindruckende Persönlichkeiten geformt, deren persönliches Zeugnis nicht ersetzt werden könne. „Zeitzeugen vermitteln eine Aura. Sie haben das absolut Böse erlebt und oftmals auch das absolut Gute. Das kann keine Schrift und keine Videodokumentation ersetzen.“

Die Gedenkstätten haben sich auf die Zeitenwende eingestellt. Die Hauptaufgabe dieser Orten sei „Geschichte zu vermitteln: Was war und wie ist es dazu gekommen?“, sagt Günter Morsch. Dieser Auftrag sei immer schon von subjektiven Erinnerungen der Überlebenden abgekoppelt. „Ein Lagerinsasse kann authentisch von seiner Baracke berichten. Was daneben wirklich geschah, entzog sich aber schon seinem Einblick“, sagt Morsch. Das gelte noch mehr für die geschichtlichen Zusammenhänge, ohne die historisches Verstehen nicht möglich sei.

Das Wissen über dieses furchtbare Kapitel deutscher Geschichte schwindet mit zunehmendem zeitlichem Abstand. Nach einer Erhebung der Körber-Stiftung aus dem Jahr 2017 wussten von den 14- bis 29-Jährigen nur noch 78 Prozent, dass das KZ Auschwitz, dessen Befreiung Ende Januar gedacht wurde, ein Vernichtungslager war. Bei den 30- bis 44-Jährigen waren es 87 Prozent, bei den 45- bis 65-Jährigen 90 Prozent. Immer wieder werden deshalb verpflichtende Besuche der Gedenkstätten für Schüler diskutiert. In der Gedenkstätte Sachsenhausen hält man davon wenig. „Wir setzen auf Freiwilligkeit“, heißt es dort. Eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen, lasse sich nicht erzwingen.

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen wurden deshalb 13 kleinere Ausstellungen konzipiert. Sie befassen sich unter anderem mit den Tätern, den medizinischen Experimenten an Gefangenen und dem Verhältnis der Lagerleitung zur Stadt Oranienburg, in deren Mitte Verbrechen begangen wurden und die vom Gefangenenlager wirtschaftlich profitieren wollte. Auch die Nachkriegs-Ära ist ein Thema. Denn das Konzentrationslager diente gleich zwei Diktaturen. Von 1945 an nutzte es der sowjetische Geheimdienst NKWD als Speziallager für rund 60 000 politisch Missliebige und willkürlich Verhaftete. Erst 1950 gingen das gewaltsame Leiden und Sterben in Sachsenhausen zu Ende.

„In den Gedenkstätten zeigen sich Abgründe der menschlichen Natur“, sagt Morsch. Auch deshalb sind die authentischen Orte wichtig. Nicht Monster waren während der Naziherrschaft Massenmörder, sondern Menschen mit bürgerlichem Leben und Gesicht. Der Historiker, der unter anderem Mitglied der Ständigen Konferenz der Gedenk- und Dokumentationsstätten im Berliner Raum ist, warnt vor einem Trugschluss: Gedenkstätten seien zwar Orte der Bestätigung, dass es Täter und Opfer wirklich gegeben habe, auch könnten sie mit ihrem Bildungsauftrag das demokratische Milieu fördern und bestärken. Doch „antifaschistische Waschanlagen“ seien sie nicht. Eine Umkehr Verblendeter finde dort nicht statt.

Das weiß auch sein Nachfolger Axel Drecoll. Im Sommer 2018 kaum im Amt, war er schon mit revisionistischen Ausfällen einer Besuchergruppe der AfD-Bundestagsabgeordneten Alice Weidel konfrontiert. Den Holocaust zu relativieren sei das eine. Das jedoch auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers zu tun, sei von besonderer Niedertracht.

Drecoll registriert die gezielte Verharmlosung und die um sich greifende Hetze mit großer Sorge. Auch das Erstarken der AfD vor allem in den ostdeutschen Bundesländern alarmiert ihn. Weil in Brandenburg der Kultusminister automatisch der Stiftungsratsvorsitzende der Gedenkstätte sei, hätte ein Einfluss der AfD auf die Landespolitik unmittelbare Folgen für die Erinnerungsarbeit.

Doch nicht nur in Deutschland verändert sich das Klima. Weil 90 Prozent der Häftlinge in Sachsenhausen Menschen aus dem Ausland waren, „sind wir heute auf dem Gelände mit vielen Nationalismen konfrontiert“. Vor allem an den besonderen Gedenktagen wollen sich die Verbände aus den 40 Opfer-Nationen zur Geltung bringen. Da gelte es, Interessen und Bedürfnisse auszutarieren. Denn nicht Nationalsymbole sollen den Gedenkort prägen, sondern würdiges Erinnern. Schließlich ist das ehemalige Lager Mahnmal und Friedhof zugleich.

Nach gut zwei Stunden ist die Schulklasse aus dem Emsland am Ausgangstor angelangt. Still sind die Jugendliche geworden. „Ich bezweifle, dass meine Phantasie ausreicht, mir diesen Schrecken vorzustellen“, sagt Alex. Sein Freund Henrik findet: „Wir Junge müssen uns mit diesem Geschehen auseinandersetzen, damit so etwas nicht mehr passieren kann.“ Christine Meibeck hat als Guide einen Grundstock gelegt. Der Rest liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen.
© Südwest Presse 13.02.2020 07:45
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