Interview

„Zu spät erkannt“

  • Spezialist für Heuschrecken: Martin Husemann. Foto: privat
Die fliegenden Vegetationsvernichter sind längst auch Forschungsgegenstand. Martin Husemann, Abteilungsleiter am Centrum für Naturkunde in Hamburg ist Spezialist für Heuschrecken.

Herr Husemann, warum schließen sich die Heuschrecken zu Schwärmen zusammen?

Martin Husemann: Das liegt am schnell auftretenden Futtermangel. Dann müssen die in ihrer stationären Phase eigentlich recht standorttreuen Tiere weg. Ausgelöst werden die Wanderungen durch die hohe Individuendichte bei den Jungtieren, die man Nymphen nennt. Dadurch werden physiologische Veränderungen in den Körpern ausgelöst, die dazu führen, dass die Tiere in die Wanderphase eintreten. Nach neuesten Forschungen sind es gegenseitige Berührungen an den Hinterbeinen, die die Veränderungen auslösen.

Kann der Mensch, die Schwarmbildung verhindern?

Damit haben sich in der Vergangenheit mehrere Institute beschäftigt. Letztlich läuft es darauf hinaus, die Gebiete, in denen Schwärme entstehen können, zu finden und dann in diesen gezielt mit Schädlingsbekämpfungsmitteln zu arbeiten.

Zumindest in Ostafrika scheint man damit keinen Erfolg gehabt zu haben.

Soweit ich weiß, ist das Problem in den betroffenen Gebieten zu spät erkannt worden. Dort fehlte es einfach an Mitteln. Und wenn die Tiere erst einmal geschlüpft und auf Wanderschaft sind, ist es sehr schwierig das Problem einzugrenzen.

Was aber gemacht wird – auch wieder mit Pestiziden.

Und das ist ausgesprochen problematisch. Mal abgesehen davon, dass Heuschrecken wegen ihres hohen Proteingehalts in vielen Ländern eine wichtige Nahrungsquelle sind und so Menschen vergiftet werden können, töten die Pestizide alle anderen Insekten und gelangen ins Grundwasser.

In Äthiopien und Somalia ist es derzeit in vielen Gebieten sehr feucht. Die Rede ist von einer Vergrößerung der Population um das Fünfhuntertfache. Ist das realistisch?

Durchaus. Man muss bedenken, dass jedes Weibchen mehrere Dutzend Nachkommen haben kann.

Wie endet eine Heuschreckenplage?

Durch Veränderung der Bedingungen für den Eischlupf. Und durch einen Mangel an Nahrung. Aber erst einmal können die Schwärme auf Nahrungssuche große Entfernungen zurücklegen. André Bochow
© Südwest Presse 13.02.2020 07:45
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