So kleidete man sich im Mittelalter

Dem Mittelalter weht noch heute der Ruf entgegen, eine lange und dunkle Epoche gewesen zu sein. Als sich die Aufklärer gegen die den Menschen fesselnden traditionellen Denkweisen richteten, hatten sie vor allem das Mittelalter im Blick. Sie nannten sich Träger des Lichts als Gegenpol zur „Finsternis“ des Mittelalters. Dieser Bezug wird auch im englischen Sprachraum deutlich, wo die Aufklärung den Begriff „Enlightenment“ (Erleuchtung) führt.

Tatsächlich verlief die Entwicklung des Mittelalters aufgrund seiner geschlossenen Strukturen, seiner Wissenschaftsfeindlichkeit und der Macht der Kirche in einem theokratischen Zeitalter langsam und träge. Außerdem fiel der Beginn der neuen Epoche nach dem Untergang Roms in ein Zeitalter des Zerfalls, sodass die Ruinen der römischen Städte ein Vorbild in der Vergangenheit beschworen, das es in der bedrückenden Realität nicht mehr gab. Die verheerende Justinianische Pest im 6. Jahrhundert und die Einfälle der Wikinger sorgten für ein Ersticken zarter Ausbruchsversuche. Das Mittelalter endete im Zeitalter der Renaissance, wo abermals das antike Vorbild beschworen wurde.

Das Bedürfnis nach mittelalterlicher Kontemplation

Trotzdem vermittelt gerade das mittelalterliche Trägheitsmoment manchen Menschen, die sich von den rasanten Veränderungen im Digitalzeitalter mitunter wie erschlagen fühlen, einen Ruhe- und Orientierungspol. Es muss nicht ein konsequenter Eskapismus sein, aber wie wir aus der modernen Hirnforschung in Bezug auf die Meditation wissen, kann dieser Orientierungspol, wohldosiert eingesetzt, den Menschen für den hektischen Alltag neue Kraft und Energie einflößen. Begeben wir uns also auf eine Zeitreise in die lange „dunkle Epoche“ und schauen auf die Kleider aus dem Mittelalter.

Kleidung als Standesmerkmal und Statussymbol

Als geschlossene Gesellschaft ohne soziale Mobilität wurde man in seinen Stand geboren und hatte als Sohn die Aufgabe, das Erbe des Vaters fortzuführen und seinen Beruf zu übernehmen. Als Tochter wurde man schon früh mit ungefähr 14 Jahren verheiratet und hatte sich sittlich und keusch zu verhalten. Ein Ausbruch aus dem Stand war nicht vorgesehen. Die Standesunterschiede drückten sich auch in der Kleidung aus. Kleiderordnungen zementierten den über die Geburt bestimmten Rang des Einzelnen.

Das Braun war die Alltagsfarbe des einfachen Volkes. Es wurde aus der Walnuss gewonnen und war am günstigsten herzustellen. Die Kleidung hatte vor allem den Bauern vor klimatischen Einflüssen zu schützen und war funktional sowie weit, um ihn nicht bei der Arbeit zu behindern. Typisch waren als Materialien Leinen, Hanf, Nessel und Wolle. Zudem trugen Bauern Schuhe aus Rindsleder – die sogenannten Bundschuhe – Beinlinge und schmucklose Arbeitskittel.

Je höher der Stand war, desto bunter und seltener waren die Farben und desto kostbarer die Materialien. Vor allem die Handelsstraßen nach China und Arabien führten den wohlgeborenen Personen kostbare Stoffe und Schnittarten zu. Entsprechend begehrt waren das Purpur der Purpurschnecke, das Karminrot der Schildlaus, Scharlach, Gold, Silber, Seide, Brokat und Samt sowie exklusive Schnitte wie Atlas, Damast und Barchent.

Während der Klerus sich noch stark an den Tuniken im alten Rom orientierte, bevorzugte der Adel kostbare Reifen, Perlen und Edelsteine an den Ärmeln und für den Kopfschmuck, was wir heute zusammen mit den knallbunten Farben eher als „geckenhaft“ empfinden und was erklärt, warum mittelalterliche Kleidung heute für den Fasching den besonderen Reiz hat. Als Pelze wurden wiederum Fütterungen von Eichhörnchen, Fuchs, Iltis, Kaninchen, Lamm, Schaf und dem Marder bevorzugt. Hermelin hatte als Fell vom Großen Wiesel den höchsten Status und war für den Königsmantel typisch. Origineller und ebenfalls exklusiv war das „Schwanenfell“ genannte weiße Vogelkleid für die Gewänder. Auch die spitz zulaufenden Schnabelschuhe waren ein Zeichen der Distinktion, wobei das Prinzip galt: je spitzer, desto höher der Rang.

Veränderungen im Laufe der Zeit

Im Laufe des Mittelalters kam es zu modischen Veränderungen. Im Frühmittelalter dominierte für Adel und Klerus noch die Tunika, während sich bereits die Hose als germanische Spezialität in den unteren Schichten als „Beinlinge“ verbreitete. Die oberen Stände neigten hingegen dazu, im Laufe der Zeit immer wertvollere und buntere Kleidung zu tragen. Dieser Prozess war ein Trend, aber nicht linear, weil es von Seiten der offiziellen Kirche wie von Reformatoren immer wieder Gegenbewegungen gab, die vor Dekadenz warnten und zur Mäßigung aufriefen.

Ein wichtiger Wendepunkt geschah im 11. Jahrhundert durch die Französin Agnes von Poitou, der Gemahlin von Heinrich III. Diese propagierte Kleidung, welche die körperlichen Konturen betonte und die allmählich die vorherrschenden Gewänder ablöste. Für die Adligen war dies ein gutes Mittel, sich vom niederen Volk abzusetzen als Zeichen dafür, dass sie keine weite Arbeitskleidung brauchten. Übrigens waren es auch Franzosen, die im Hochmittelalter die verschiedenen Schnitte erfanden und der Kleidung des Mittelalters neuen Esprit verliehen.

Ab dem 12. Jahrhundert kamen neue Beinkleider sowie aufwendiger Kopfschmuck hinzu und Männer liebten den Wams, der als ursprüngliche Polsterung für die Kettenrüstung im zivilen Leben zunehmend nachgefragt wurde. Im Spätmittelalter wurde die Schnürung der Frau als Vorläufer zum Korsett des Biedermeiers immer enger. Zudem setzte sich in dieser Epoche das Dekolleté durch. Züchtiger wurde die Kleidung der Frauen auch durch Schleier oder Haube als geforderte Kopfbedeckung. Zugleich lockerten sich die Standesunterschiede durch das aufstrebende Bürgertum, das sich durch Leistung vom Geburtsadel abzusetzen strebte und in den Städten („Stadtluft macht frei“) nach der Regierungsgewalt strebte.

Foto von Lisa Fotios von Pexels

© Gmünder Tagespost 13.02.2020 10:36
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