Der mit dem Auge für den Nebenmann

Die Rückeroberung des Premiumplatzes fällt dem FC Bayern leicht. Thomas Müller hatte sogar Zeit für einen neuen Rekord. Und Leipzig schaut zu.
  • Thomas Müller links, König der Vorlagen, und Robert Lewandowski vom FC Bayern München schreien sich nicht etwa an, sondern freuen sich gemeinsam über den Sieg in Köln. Foto: Perenyi/Imago
  • Danach hatte nur einer was zu lachen: Leipzigs Coach Nagelsmann (links/mit Bremens Kohfeldt). Foto: Foto:Odd Andersen/afp
Sechs Punkte Differenz zwischen Tabellenplatz eins in der Fußball-Bundesliga und Rang fünf – das verspricht Spannung pur beim Ausspielen des Deutschen Meisters. Der FC Bayern hat gestern mit einem souveränen 4:1 in Köln RB Leipzig (3:0 gegen Bremen) wieder überholt und sich erneut an die Spitze gesetzt.

Dabei erging es Hansi Flick wie zuvor seiner Mannschaft: Am Ende verließen ihn die Kräfte. 90 Minuten hatte der Trainer des FC Bayern München während der Partie in Köln engagiert gecoacht, dann versuchte er noch ein Interview zu geben. Dieses musste der erkältete Flick aber abbrechen. Bei der anschließenden Pressekonferenz ließ er sich entschuldigen.

Das Spiel fasste dafür Manuel Neuer treffend zusammen. „Wir hätten heute zehn Tore schießen können“, sagte der Kapitän und Torhüter: „Aber auch viel mehr kassieren können.“ Sehr lange hatten sich die Bayern meisterlich präsentiert und mit einem historischen Blitzstart den Grundstein für die direkte Rückeroberung der Tabellenspitze gelegt. Allenfalls die etwas fahrlässige Schlussphase trübte die ansonsten eindrucksvolle Demonstration der Stärke.

„Ich habe uns selten so spielfreudig erlebt wie in der ersten Halbzeit“, sagte Thomas Müller: „In der zweiten Halbzeit waren wir dann zu gemütlich, haben uns zu sicher gefühlt. Das ist menschlich. In der Champions League dürfen wir uns das aber nicht erlauben.“

Dass die Münchner den am Samstag an die Spitze gesprungenen Leipzigern direkt wieder die Tabellenführung entreißen würde, war aber schon nach weniger als einer Viertelstunde klar. Robert Lewandowski mit seinem 23. Saisontor (3. Minute), Kingsley Coman beim Startelf-Comeback nach zweimonatiger Verletzungspause (5.) und Serge Gnabry (12.) schossen die schnellste 3:0-Auswärtsführung in der ruhmreichen Bundesliga-Geschichte des FC Bayern heraus. Gnabry legte nach (66.), Köln kam durch Mark Uth zum Ehrentreffer (70.).

Müller verbucht nach seinen Vorlagen zum 1:0 und 2:0 zudem nun 14 Assists in dieser Bundesliga-Saison, das schaffte seit Einführung der genauen Datenerfassung im Jahr 2004 nach 22 Spieltagen noch niemand. „Ich versuche, in unserem funktionierenden System ein Rädchen zu sein“, sagte Müller bescheiden: „Dass ich ein Auge für den Nebenmann habe, ist ja bekannt. Ich hätte aber auch gerne selbst getroffen.“

Fit für die Königsklasse

Dass der deutsche Rekordmeister wieder auf Platz eins fliegen würde, damit hatte jeder im Team von RB Leipzig gerechnet. Für die Sachsen ging es auch in erster Linie darum, im Meisterrennen die kleine Ergebniskrise zu beenden und wieder in die Spur zu kommen. Das war mit dem Sieg gegen Bremen gelungen. Trainer Julian Nagelsmann war deshalb dankbar. Spielerischer Glanz hatte dem Auftritt seiner Elf zwar gefehlt, doch das war angesichts des schwachen Gegners beim 3:0 auch gar nicht nötig. „Mit der Art und Weise des Sieges bin ich sehr zufrieden, weil wir die gleiche Gier hatten wie gegen Bayern München“, sagte Nagelsmann trotzdem. Nach drei Ligaspielen ohne Sieg bestätigte RB endlich wieder seinen Titelanspruch. „Der Sieg war verdient, auch wenn es kein großes Feuerwerk war. Aber das muss nicht immer sein“, so Nagelsmann.

Auch Sportdirektor Markus Krösche strahlte, vergessen waren die drei Spiele, in denen die Sachsen sieben Punkte liegen gelassen hatten und auch im Duell mit Bayern Boden verloren. „Ob wir jetzt Gejagter sind oder Jäger, keine Ahnung“, sagte Krösche bei Sky: „Manchmal ist es wichtig, die Ruhe zu haben, nicht viele Fehler zu machen, und das haben sie gut gemacht.“

Die Ruhe hatte RB gegen schwache Bremer auf jeden Fall. Die Bullen waren in allen Belangen überlegen und brachten die unsicheren Bremer durch Vorstöße über die Außen immer wieder in Gefahr. Dass jedoch zwei Standardsituationen nötig waren, um durch Lukas Klostermann (18.) und Patrik Schick (39.) mit 2:0 in Führung zu gehen, fand letztendlich auch Taktik-Junkie Nagelsmann nicht so schlimm.

Mit dem Rückenwind aus der Liga geht es für RB am Mittwoch zum ersten Achtelfinale der Klubhistorie in der Champions League bei Tottenham Hotspur (21 Uhr/DAZN). Der FC Bayern steigt 25. Februar beim FC Chelsea wieder in die Königsklasse ein. sid/dpa
© Südwest Presse 17.02.2020 07:45
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