Radeln – Mit Wind im Rücken durch Belgien

Auf einer Radtour durch Flandern streift man stille Landschaften und lernt hübsche Städte kennen
  • Auf der Zielgeraden nach Brügge. Foto: Gerd Greiser

Ulmen strecken ihre langen Äste zum blauen Himmel. Betupft mit weißen Wattebauschwolken. Die Baumriesen stehen Spalier für all die Radler, die hier am Oost-ende-Kanal entlangfahren.

Lastschiffe tuckern vorbei, an Deck flattert Wäsche fröhlich im Wind. Die Schäfchen an der Böschung lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie zupfen und mümmeln das Gras oder schlummern in der wohligen Wärme der späten Sommertage.

Im Juli und August ist die schönste Zeit, um Flandern mit dem Rad zu erkunden. Allein oder in der Gruppe mit einem kundigen Führer – Wie Armin Padberg. Der 54-Jährige kennt nicht nur den besten Weg, er weiß auch, wie man eine Gruppe bei Laune hält. Mit herrlichen Anekdoten, mit sauerländischer Mundart und viel Geduld. Beim Start in Antwerpen erklärt er den 23 Reiseteilnehmern, wie die Räder, vor allem die E-Bikes funktionieren, was sie beim Verlassen der Stadt besonders zu beachten haben. Und bevor er sich aufs Rad schwingt, ruft er ihnen noch zu: „Autos müsst ihr ja kennen. Gibt’s seit über 100 Jahren.“ Mit einem Schmunzeln folgt ihm die Schar, schlängelt sich durch diese quirlige Stadt mit ihren tollen Modegeschäften, der Kathedrale voller Rubens-Bilder und dem Grote Markt, wo Marktstände und unzählige Lokale sich ausbreiten. „Hier wäre ich gerne länger geblieben“, sagt Gerd Greiser aus Hamburg. Er weiß da noch nicht, dass er diesen Satz auf der siebentägigen Tour noch öfter sagen wird.

Geschichten von Till Eulenspiegel

Die Teilnehmer der Reise durch Flandern von Antwerpen nach Gent und Brügge müssen sich erst mal eingewöhnen, an die Leihräder, die fremde Umgebung und auch an die Mitradler. Was sie gleich eint, ist die Leidenschaft fürs Radeln. Durch stille Landschaften rollen, am liebsten mit Rückenwind und ohne Regen. Zwischendurch immer wieder einen Stopp einlegen, um zum Beispiel eine verwunschene Kathedrale ohne Dach zu besichtigen. Um Geschichten über Till Eulenspiegel zu hören, der auch in Flandern eine beliebte Legendenfigur ist. Um einen Beginenhof zu besuchen, der zum UNESCO-Welterbe zählt. Diese Siedlungen wurden vor allem im 18. Jahrhundert erbaut. Hier lebten Frauen der Oberschicht in einer christlichen Gemeinschaft zusammen und legten das Gelübde der Keuschheit und des Gehorsams ab. Sie verwalteten ihr Vermögen selbstständig und waren karitativ tätig.

Dass alle das Tagesziel erreichen, liegt auch an Uli Brück. Der Apotheker aus Niddatal ist der Mann mit der Fahne. Er fährt zuletzt und passt auf, dass alle schön zusammenbleiben und keiner auf der Strecke verloren geht. Er ist selten allein. Denn mit ihm lässt sich wunderbar plaudern. Und bei einem Tempo von rund 15 Kilometern pro Stunde kommt man auch nicht so leicht aus der Puste. Es ist eine gemächliche Tour. Hier haben sich keine Rennradfahrer getroffen. „Ich bin eine Genussradlerin“, sagt Silvia Meyer aus Köln. Und freut sich täglich auf das Picknick am Mittag. Zum Beispiel an der Schelde, dem wichtigsten Strom Belgiens. In einer grünen Mulde hat Marcel Tische und Bänke aufgestellt. Der 25-jährige Student ist der Versorger auf dieser Fahrt. Er hat Käse und Fisch gekauft, einen frischen Salat zubereitet und serviert kühle Getränke. Und Törtchen gegen die drohende Unterzuckerung. Man muss ja schließlich noch bis zum späten Nachmittag durchhalten. Denn dann wird die nächste schöne Stadt nach 40 oder 60 Tageskilometern angesteuert.

Wo Schweine in den Himmel gucken

Autos müsst ihr ja kennen. Gibt’s seit über 100 Jahren.

Armin Padberg
Radführer

Gent begeistert sofort. Hier tanzen Figuren auf Dächern der alten Zunfthäuser, gucken Schweine in den Himmel. Brücken überspannen das Flüsschen Leie, sie führen zu großartigen Gebäuden wie der St.-Bavo-Kathedrale mit dem berühmten „Genter Altar“, zum Belfried aus dem 14. Jahrhundert, ein Sinnbild für Freiheit, Macht und Wohlstand der Genter Bürger. Durch den Tuchhandel wurde die Stadt reich, war damals mit 60 000 Einwohnern größer als London und Rom.Heute ist Gent die größte Universitätsstadt Belgiens. Überall hocken junge Leute in Straßencafés, treffen sich auf ein Bierchen in einer Kneipe. Dieses Forschungsgebiet ist breit gefächert: Es soll im Land mehr als 1 000 verschiedene Biersorten geben. Am Abend leuchtet die Stadt. Dann, wenn Häuser, Kirchen und Gassen angestrahlt werden. Flackert das Licht, ist in der Klinik ein Kind geboren.

Brügge ist die kleine Schwester von Gent. Sie wird allerdings von den Touristen aus aller Welt fast zu Tode geliebt. Menschenscharen quetschen sich durch die mittelalterliche Stadt mit ihren Giebelhäusern, zauberhaften Plätzen, dem Belfried am Marktplatz. Wenn das Glockenspiel erklingt, recken sich viele Köpfe zu seinem 83 Meter hohen Turm.

Ausflug zur Küste

Brügge ist die Endstation der Tour, aber am letzten Tag wird noch ein Ausflug zur Küste unternommen. Am Kanal säumen Pappeln den Weg. Sie schließen ihre Zweige wie Gurtbögen einer gotischen Kirche zusammen. Dahinter das weite, flache Land, das schon der belgische Chansonnier Jacques Brel in „Le Plat Pays“ wunderbar besungen hat. Und den Wind, der hier über Felder und Wiesen fegt oder zum Meer treibt.

In Knokke versteckt sich die Nordsee hinter weißen Holzbuden, die in langen Reihen am Strand aufgestellt sind. Möwen kreischen, kreisen über den Köpfen der Spaziergänger auf der Promenade oder fliegen weiter in das nahe Naturschutzgebiet Het Zwin, wo Heerscharen von Seevögeln an Salzwiesen brüten oder rasten. Zurück in Brügge. Es wird dunkel und die Schöne atmet auf. Die meisten Besucher sitzen in Lokalen, bestellen Mosselen met Friet, Muscheln mit Pommes, und trinken süffige Biere. Der Wassergraben, der die ehemals bedeutende Hafenstadt umschließt, ist jetzt frei von Bötchen. In aller Ruhe kann man nun das älteste Rathaus Belgiens betrachten. Und nach einem Gang durch die leeren Gassen möchte man ein paar Tage länger bleiben. Anna M. Löfken

Flandern

Anreise Am besten mit dem Zug, www.bahn.de. Parkhäuser sind in belgischen Städten sehr teuer.
Essen und Trinken In Frites Atelier in Antwerpen werden Pommes frites vom Sternekoch mit ausgefallenen Soßen serviert, www.fritesatelier.com.
Savarin ist eine nette Brasserie mit feiner belgischer Küche mitten in Gent, www.brasserie-savarin.be.
Pieter Pourbus nennt sich ein uriges Restaurant in Brügge mit belgischer Hausmannskost und großer Bierauswahl, https://pieterpourbus.com.

© Gmünder Tagespost 28.02.2020 15:53
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