Box-Fan mit Superhirn

Eigentlich wollte Andrea Muzii nur sein Gedächtnis trainieren – nun ist der italienische Student Gedächtnisweltmeister.
  • Andrea Muzii mit Kartensätzen, die er auswendig lernt. Foto: Alvise Armellini/dpa
Es fing damit an, dass sich Andrea Muzii Dinge einfach besser merken wollte. Knapp ein Jahr später ist der 20-jährige Italiener ein neuer Star des internationalen Gedächtnissports. Lange Reihen von Zahlen, Wörtern, Spielkarten oder Bildern – kein Problem für den schlaksigen Medizinstudenten. Im Dezember setzte sich Muzii bei den Weltmeisterschaften des Verbands International Association of Memory (IAM) im chinesischen Zhuhai gegen etwa 150 andere Wettbewerber durch. Sein Geheimnis? „Das ist etwas, das ich nur durchs Üben erreicht habe. Ich habe keine besondere Veranlagung dafür“, sagt Muzii. „Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes.“

Während der IAM-Wettbewerbe im Dezember stellte Muzii außerdem gleich zwei Weltrekorde auf: Er merkte sich 572 Zahlen in fünf Minuten und 1829 Poker-Spielkarten in einer Stunde. „Dir werden all diese Zahlen über einen bestimmten Zeitraum gezeigt, du merkst sie dir und dann schreibst du sie in den Computer oder auf Papier auf und versuchst, keine Fehler zu machen.“

Ein Nerd sei er aber keinesfalls, betont Muzii. Im Gegenteil, in seiner Freizeit ist der Italiener – seine schmale Silhouette lässt es nicht unbedingt erahnen – Amateurboxer. „Tatsächlich war ich in der Schule nicht besonders gut.“ Jeder könne versuchen, durch Üben so weit zu kommen wie er. Sogar auf seinem Niveau „geht es vielleicht um etwa 20 Prozent Talent, das meiste ist aber Training“.

Bislang dominieren Mongolen die internationale Szene des Gedächtnissports: Alleine fünf Frauen aus der Mongolei führt die IAM in der aktuellen Liste der zehn Besten. „In Europa sind die Deutschen die Besten“, sagt Muzii auch mit Blick auf IAM-Präsident Simon Reinhard und Johannes Mallow, die auf Rang sechs und acht der Liste liegen. Zwei Männer aus Indien und Frankreich komplettieren dieses Ranking – und seit Dezember steht Muzii an erster Stelle.

Erst im März 2019 entdeckte Muzii diese neue Welt des mentalen Hochleistungssports für sich. Damals war der Zauberwürfel des Ungarn Erno Rubik seine große Leidenschaft. Muzii nahm an Wettbewerben teil, bei denen Teilnehmer mit verbundenen Augen und mit Hilfe ihres Gedächtnisses den dreidimensionalen Würfel richtig zusammendrehten. Auf die Weltmeisterschaft bereitete er sich stundenlang vor dem Computer vor. So übte er, sich lange Reihen von Zahlen und Spielkarten zu merken.

Positiver Nebeneffekt: Muzii kommt nun mit allen Situationen besser zurecht, in denen Dinge gelernt werden müssen, sagt er – Prüfungen an der Uni, eine neue Sprache, Namen, Gesichter. Der Weltmeistertitel hat in seinem Alltag aber auch den Druck erhöht. Irgendetwas zu vergessen, kann er sich kaum leisten, ohne Spott zu ernten.

Alvise Armellini, dpa
© Südwest Presse 02.03.2020 07:45
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