Die Gefahr der Legalisierung

Online-Casinos und Sportwetten waren bisher verboten, aber wurden geduldet. Der neue Staatsvertrag könnte zu mehr Spielsüchtigen in Deutschland führen, sagt ein Stuttgarter Experte.
  • Hohes Suchtpotenzial: Von Juli 2021 an ist Onlinepoker in ganz Deutschland wegen eines neuen Staatsvertrags legal. Foto: © Georgejmclittle/Shutterstock.com
  • Tilman Becker forscht in Hohenheim zum Thema Glücksspiel. Foto: dpa
Ein gezielter Wetteinsatz macht den Bundesliga-Spieltag für risikobereite Fußballfans zur nervlichen Zerreißprobe. Doch wer auf Online-Portalen wie „Tipico“ oder „Bwin“ wettet, ist oft nur einen Klick entfernt von virtuellen Casinos, die das schnelle Geld versprechen. Formell ist beides illegal: Virtuelle Casinos sind genauso wie Sportwetten übers Internet offiziell verboten – und werden lediglich nicht geahndet. Die Digitalisierung hat den bisher streng regulierten deutschen Glücksspielmarkt ordentlich aufgemischt. Immer mehr Anbieter von Internet-Glücksspielen, viele davon aus dem Ausland, drängeln sich auf dem milliardenschweren Markt.

Das soll sich von Juli 2021 an ändern: Dem neuen Staatsvertrag zufolge sind Onlinecasinos und Onlinepoker künftig erlaubt. Dazu wird es Auflagen geben, denn Glücksspiel macht süchtig, und viele Zocker verlieren so ihr gesamtes Geld: Im Jahr 2017 konnten die privaten Anbieter aus dem EU-Ausland einen Bruttospielertrag von 3,18 Milliarden Euro durch deutsche Spieler erwirtschaften. Das geht aus einer Statistik der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hervor.

Die neue Regelung sieht vor, dass jeder Spieler ein Konto beim jeweiligen Anbieter führen muss. Das Limit für die Einzahlung soll bei 1000 Euro im Monat liegen.

Doch der neue Vertrag, der noch von den Landesparlamenten ratifiziert werden muss, bringt auch eine weitere, nicht unerhebliche Änderung: Die Werbung für Online-Glücksspiel wird ganz offiziell erlaubt sein und wird nicht wie bisher restriktiert.

Tilman Becker, der Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Stuttgart-Hohenheim, trifft sich in dieser Woche zum Symposium mit anderen Experten. In der Neuregulierung sieht er eine Gefahr: „Die Bevölkerung wird mit Werbung bombardiert. Bis es dann einen Aufschrei und schließlich ein Zurückfahren der Werbung geben wird.“ Ganz ähnlich sei man in Italien mit den Online-Casinos verfahren. Dort ist die Werbung inzwischen vollständig verboten.

Becker bezeichnet den neuen Staatsvertrag als „Rückschritt“ und kritisiert die neue Werberichtlinie. „Aus Suchtperspektive ist das für Deutschland katastrophal“, sagt Becker. Er geht davon aus, dass es aufgrund der zu erwartenden Werbeoffensive künftig mehr Spielsüchtige geben wird. Die Anzahl der pathologischen Spieler in Deutschland wird von der DHS aktuell auf bis zu 170 000 geschätzt.

Bisher wird die illegale Online-Zockerei nicht geahndet. Als einziges Bundesland hat Schleswig-Holstein sogar Lizenzen an Online-Casinos vergeben und das Verbot so bewusst ausgehebelt.

Durch die Schaffung einer zentralen Behörde, die vom Forschungsinstitut in Hohenheim stets gefordert wurde, soll im Zuge des neuen Staatsvertrags mehr Klarheit in Sachen Online-Glücksspiel geschaffen werden. Um dem illegalen Glücksspiel entgegenzuwirken, muss die neue Behörde laut Becker vor allem zwei Anforderungen erfüllen: Sie müsse die Steuerbevorzugung der virtuellen Casinos verhindern und eine Änderung im Strafgesetzbuch erwirken. Letzteres wäre nur dann ein Erfolg, wenn das Gesetz klar solche Angebote unter Strafe stellt, die sich gezielt an deutschsprachige Spieler richten – unabhängig davon, wo sich die Server der Betreiber befinden.

Die künftige Zentralbehörde ist ein Fortschritt gegenüber den bisherigen föderalen Strukturen in Deutschland. Bisher hat jedes Bundesland eigene Regeln zu den Online-Spielhäusern aufgestellt – und ließ diese lediglich in den Staatsvertrag einfließen.

Die Forschungsstelle Glücksspiel hatte das Vorgehen jahrelang kritisiert. Sie gilt international als renommiert. Deshalb soll die Stelle in Zukunft mit jährlichen Landesfördergeldern und Zuschüssen der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg unterstützt werden und ist nicht mehr ausschließlich auf Spenden angewiesen.
© Südwest Presse 05.03.2020 07:45
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